Zur Bedeu­tung von Kon­flik­ten und Unstim­mig­kei­ten

Kon­flikt und Har­mo­nie sind Gegen­sät­ze wie auch Wider­spruch und Über­ein­stim­mung. Nach unse­rem west­li­chen Ver­ständ­nis herr­schen Har­mo­nie und Über­ein­stim­mung, wenn kei­ne Kon­flik­te und Wider­sprü­che vor­han­den sind. Dabei las­sen wir uns von der aris­to­te­li­schen Logik lei­ten, die Gegen­sät­ze wie wahr und falsch, Ich und Du, der Ein­zel­ne und das Kol­lek­tiv im Ent­we­der-oder-Modus ver­ste­hen: Ent­we­der Über­ein­stim­mung oder Wider­spruch, ent­we­der Kon­flikt oder Har­mo­nie. Aus die­sem Ver­ständ­nis her­aus wer­den unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen oft nicht the­ma­ti­siert und Pro­ble­me aus­ge­klam­mert, denn sie könn­ten die angeb­li­che Über­ein­stim­mung gefähr­den. Eben­so wer­den Kon­flik­te ver­mie­den, um die Har­mo­nie des Augen­blicks nicht in Fra­ge zu stel­len. Doch kann eine sol­che „Har­mo­nie“ authen­tisch sein? Wie belast­bar ist die­se Form von Har­mo­nie und Über­ein­stim­mung, wenn Pro­ble­me auf­tre­ten?

Aus fern­öst­li­cher Sicht sind Gegen­sät­ze ant­ago­nis­tisch und ergän­zen sich zugleich. Sie sind Pol und Gegen­pol einer Pola­ri­tät, der eine Pol ist nicht ohne den ande­ren zu haben. Fehlt der eine, so ist auch der ande­re nicht da. Sie sind nicht von­ein­an­der zu tren­nen und bil­den eine struk­tu­rel­le Ganz­heit, Pola­ri­tät genannt. Aus die­ser Sicht sind auch Kon­flikt und Har­mo­nie wie Wider­spruch und Über­ein­stim­mung  Pola­ri­tä­ten. Erst durch den Wider­spruch, durch das Mit­ein­be­zie­hen unter­schied­li­cher Auf­fas­sun­gen, kann es zu einer belast­ba­ren, authen­ti­schen Über­ein­stim­mung kom­men. Erst wenn die Ein­zel­nen in einem geis­ti­gen Ent­wick­lungs­pro­zess ihre unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen ein­brin­gen und die ent­ste­hen­den Kon­flik­te aus­tra­gen, ist Über­ein­stim­mung und Har­mo­nie mög­lich. Auf die­se Wei­se wird das Poten­ti­al aus­ge­schöpft, das mit den unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen der Ein­zel­nen ver­bun­den ist. (Sie­he hier­zu auch das Bei­spiel der Iro­ke­sen-Liga in der Schrift Wel­che Art des mensch­li­chen Zusam­men­wir­kens?)

Des­halb heißt es: „Kei­ne Kon­flik­te – kei­ne Har­mo­nie, kein Wider­spruch – kei­ne Über­einstimmung.“ Für unse­re west­li­chen Ohren klingt das fremd, selbst für dia­lek­tisch geschul­te, wenn nicht gar ver­wir­rend oder ver­stö­rend. Ist es denn nicht so, wird dann gefragt, dass genau die Abwe­sen­heit von Wider­spruch und Kon­flik­ten Har­mo­nie und Über­ein­stim­mung kenn­zeich­nen?

Die aris­to­te­li­sche Logik, auf der im Wes­ten Wis­sen­schaft und unser All­tags­den­ken beru­hen, hin­dert uns dar­an, einen Man­gel bei dem bun­ten Trei­ben, dem Lachen und den Bon­mots anläss­lich unse­rer gemein­sa­men Zusam­men­künf­te wahr­zu­neh­men. Wir Heu­ti­gen haben meist aus­rei­chend Erfah­run­gen gesam­melt, um zu wis­sen, dass sich der schein­ba­re Ein­klang beim ers­ten Kon­flikt oft so schnell wie Tau in der Mor­gen­son­ne auf­löst. Was hier als Har­mo­nie und Über­ein­stim­mung wahr­ge­nom­men wird, ist meist Freund­lich­keit gepaart mit Lebens­lust bei gleich­zei­ti­ger Abwe­sen­heit von Dif­fe­ren­zen und Mei­nungs­ver­schie­den­heit, doch kei­ne authen­ti­sche Über­ein­stim­mung.

Kei­ne Kon­flik­te – kei­ne Har­mo­nie, kein Wider­spruch – kei­ne Über­ein­stim­mung“ heißt: Es sind Kon­flik­te und Wider­sprü­che, die zu einer belast­ba­ren Har­mo­nie und zu einer trag­fä­hi­gen Über­ein­stim­mung füh­ren. Wer­den des­halb bei der Ver­fol­gung gemein­sa­mer Zie­le unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ein­ge­bracht und die ent­ste­hen­den Kon­flik­te aus­ge­tra­gen, kön­nen dia­lek­tisch Über­ein­stim­mung und Har­mo­nie ent­ste­hen. Zugleich wird dabei dem kol­lek­ti­ven Inter­es­se, das in Kon­ti­nui­tät und Sta­bi­li­tät besteht und sich in Zusam­men­halt und Legi­ti­mi­tät aus­drückt, Rech­nung getra­gen.

Grup­pen frei­er Men­schen mit einem star­ken sozia­len Zusam­men­halt sind heu­te ein Gebot der Stun­de, wenn die Mensch­heit oder die Ein­zel­nen die heu­te an sie gestell­ten Her­aus­for­de­run­gen bewäl­ti­gen wol­len. Um dies zu errei­chen, müs­sen wir ler­nen, das Poten­zi­al aus­zu­schöp­fen, das mit Wider­spruch und Kon­flikt ver­bun­den ist.

Beim jet­zi­gen Stand unse­rer geis­ti­gen und sozia­len Ent­wick­lung fehlt uns das nöti­ge Ver­ständ­nis über die Bezie­hung von Kon­flikt und Har­mo­nie, von Wider­spruch und Über­ein­stim­mung, um belast­ba­re und ver­läss­li­che mensch­li­che Bezie­hun­gen auf­zu­bau­en zu kön­nen. Wo die aris­to­te­li­sche Logik eine wirk­lich­keits­ge­treue Sicht mit dem Dunst einer Illu­si­on ver­deckt, macht die dia­lek­ti­sche Logik — die prak­ti­sche Dia­lek­tik, um genau zu sein — schmerz­haft das Feh­len einer geis­ti­gen und sozia­len Ent­wick­lung deut­lich. Wir blei­ben Bedürf­ti­ge und in der unse­ren lai­zis­ti­schen Grund­wer­ten wider­spre­chen­den Pola­ri­tät von Herr und Knecht ver­strickt, solan­ge wir die Gegen­sät­ze von Kon­flikt und Har­mo­nie, von Wider­spruch und Über­ein­stim­mung nicht meis­tern. So bedeut­sam ist die Logik.

© edi­ti­on zen­on, Okto­ber 2025


von

Schlagwörter: