Zum Umgang mit Schwie­rig­kei­ten

Schwie­rig­kei­ten, Pro­ble­me, Her­aus­for­de­run­gen und Kon­flik­te zie­hen sich wie ein roter Faden durch das Leben aller Men­schen. Stets geht es dabei auch um die Fra­ge, sie anzu­neh­men oder aus­zu­wei­chen und einen leich­te­ren Weg ein­zu­schla­gen.

Wenn wir es kön­nen, fol­gen wir unse­ren Vor­lie­ben; wir las­sen uns von unse­ren Wün­schen lei­ten und ver­su­chen, uns das Leben so ange­nehm wie mög­lich zu gestal­ten. Wenn wir in einer sol­chen Situa­ti­on urtei­len, geht in der west­li­chen Welt die zu tref­fen­de Wahl mit einer mehr oder weni­ger bewusst voll­zo­ge­nen Über­le­gung im Rah­men der aris­to­te­li­schen Logik ein­her. Dort schlie­ßen sich die Gegen­sät­ze aus; das ein­zi­ge Band zwi­schen Schwie­ri­ge­rem und Leich­te­rem besteht dar­in, dass sie gegen­sätz­lich sind. So kann die Ent­schei­dung auf eine ein­fa­che Fra­ge redu­ziert wer­den: War­um soll ich mich abpla­gen, wenn ich es mir ein­fa­cher machen kann?

Des­halb mei­den wir Her­aus­for­de­run­gen und Schwie­rig­kei­ten, in der Regel blei­ben die eige­nen Ver­hal­tens- und Denk­mus­ter tabu. Das eige­ne Han­deln beschränkt sich auf das Äuße­re; die Tür zu einer inne­ren Ent­wick­lung bleibt ver­schlos­sen. Auf die­se Wei­se bestärkt die for­mel­le Logik den Men­schen in sei­ner natür­li­chen Nei­gung zur Bequem­lich­keit. Wer ver­steht heu­te jenen aus alten Zei­ten über­kom­me­nen Rat, von zwei Wegen sol­le der schwie­ri­ge­re gewählt wer­den?

Im Gegen­satz zu die­ser ein­sei­ti­gen Betrach­tungs­wei­se ist im Rah­men der Ord­nung des Uni­ver­sums eine Struk­tur zu sehen, denn hin­ter dem Leich­te­ren ist rück­sei­tig das Schwie­ri­ge­re und umge­kehrt. Leich­te­res und Schwie­ri­ges, Vor­tei­le und Nach­tei­le, Kon­flik­te und Har­mo­nie fol­gen auf­ein­an­der; das eine ist nicht ohne das ande­re zu haben. Hier bedeu­tet Gegen­sätz­lich­keit gleich­zei­tig auch Kom­ple­men­ta­ri­tät: Gegen­sät­ze bedin­gen ein­an­der und bil­den eine unauf­lös­ba­re Ganz­heit, Pola­ri­tät genannt.

Ange­sichts die­ser Situa­ti­on ist die Über­le­gung des Ein­zel­nen kom­ple­xer. Sie könn­te fol­gen­der­ma­ßen aus­se­hen: „Wäh­le ich heu­te das Schwie­ri­ge­re, wird es spä­ter leich­ter. Wäh­le ich heu­te den leich­te­ren Weg, wer­den sich im Lau­fe der Zeit Schwie­rig­kei­ten ein­stel­len. Heu­te weiß ich zudem, wie das Schwie­ri­ge aus­sieht, wäh­rend ich nicht weiß, wie es sich mor­gen dar­stellt.“

In die­sem Fall wird die gesam­te Pola­ri­tät erfasst und eine ers­te Abwä­gung voll­zo­gen. Zugleich zeigt die­se Über­le­gung einen wich­ti­gen Grund auf, sich den Schwie­rig­kei­ten und Auf­ga­ben dann zu stel­len, wenn sie mit ihren ers­ten Anzei­chen auf­tau­chen. Vor 2500 Jah­ren gab Lao-Tse, die her­aus­ra­gen­de Gestalt des phi­lo­so­phi­schen Tao­is­mus, fol­gen­den Rat:

Pla­ne das Schwie­ri­ge­re,
solan­ge es noch ein­fach ist.
Tu das Gro­ße,
solan­ge es noch klein ist,
denn die schwie­ri­ge­ren Din­ge auf der Welt
fan­gen stets ein­fach an,
und die gro­ßen Din­ge
fan­gen stets klein an.
(Lao-Tse: Tao-te-King, Vers 63)

Stellt sich der Ein­zel­ne in einem frü­hen Sta­di­um dem Schwie­ri­ge­ren, so anti­zi­piert er damit die Schwie­rig­kei­ten, die spä­ter auf ihn zukom­men wer­den. Wenn er ver­steht, dass mit jedem Nach­teil und jeder Schwie­rig­keit auch ein Vor­teil ver­bun­den ist, hat er den ent­schei­den­den Schlüs­sel für ein gestal­ten­des Leben in sei­ner Hand. Ob sich ein­sei­ti­ges Ver­hal­ten in Schwie­rig­kei­ten ver­dich­tet oder sich im Äuße­ren Her­aus­for­de­run­gen ein­stel­len: Hier bie­tet sich die Mög­lich­keit zu wich­ti­gen Ent­wick­lungs­schü­ben. Wer das damit ver­bun­de­ne Vor­teil­haf­te fin­det und es rea­li­siert, ver­wan­delt Nach­tei­li­ges in Vor­teil­haf­tes und Schwie­ri­ges in ein Mit­tel der Ent­wick­lung.

Mit die­sem Ansatz kann ohne mora­li­schen Druck oder krampf­haf­te Anstren­gun­gen auf eine natür­li­che Art an sich gear­bei­tet wer­den. Der Ein­zel­ne bemüht sich aus dem ein­fa­chen Grund, weil er sich selbst die bes­ten Chan­cen geben will und des­halb Her­aus­for­de­run­gen und Pro­ble­me als das akzep­tiert, was sie tat­säch­lich sind: Ein geeig­ne­tes Werk­zeug, um sich selbst wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Wenn auf die­se Wei­se wahr­ge­nom­men, geur­teilt und gehan­delt wird, steht nicht das even­tu­ell Schwie­ri­ge und oft Müh­se­li­ge des Unter­fan­gens im Vor­der­grund, son­dern das Bewusst­sein, mit einer klu­gen Wahl eigen­ver­ant­wort­lich das eige­ne Schick­sal in die eige­nen Hän­de zu neh­men. Auf die­sem Weg nimmt der Ein­zel­ne die Ver­ant­wor­tung für sich und sein Tun an und macht für Krank­hei­ten und Schwie­rig­kei­ten nicht äuße­re Umstän­de ver­ant­wort­lich, son­dern sucht in sei­nem eige­nen Ver­hal­ten nach den Ursa­chen.

So wird der Ein­zel­ne zum Sub­jekt sei­nes Lebens. Er nimmt sein Schick­sal selbst in die Hand und lernt im Lauf der Zeit, dyna­misch und gestal­tend immer wie­der neu Gleich­ge­wich­te zu fin­den, um auf der Höhe der erfor­der­ten Ver­än­de­run­gen zu blei­ben. So voll­zieht er an sich eine geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung, die heu­te aus his­to­ri­scher Not­wen­dig­keit ansteht.

Auf die­sem Weg wird er von der Ord­nung des Uni­ver­sums mit ihren Prin­zi­pi­en und Geset­zen unter­stützt und gelei­tet. Hin­ge­gen wer­den die­je­ni­gen, die sich in der aris­to­te­li­schen Logik ver­or­ten, in ihrem natür­li­chen Hang zur Bequem­lich­keit bestärkt. Wie kön­nen sie dann das Poten­ti­al wahr­neh­men, das sich in Schwie­rig­kei­ten ver­birgt?

© edi­ti­on zen­on, Mai 2025


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