Nach dem fernöstlichen Weltverständnis können alle Phänomene des Universums in zwei Kategorien unterteilt und klassifiziert werden: Yin und Yang. Dabei beschreibt Yin, das zentrifugale Prinzip, die Aktivität der Ausdehnung und Yang, das zentripetale Prinzip, die Aktivität des Zusammenziehens. Im sechsten Prinzip der Ordnung des Universums heißt es entsprechend: „Yin und Yang sind die Klassifizierungen jeglicher Polarität. Sie sind antagonistisch und komplementär.“ Gegensätze wie Ordnung und Chaos, Teil und Ganzes, Aufstieg und Niedergang, Nützliches und Unnützes, Mangel und Fülle, Tag und Nacht, Zeit und Raum, Säure und Base, Mann und Frau, Krankheit und Gesundheit, Reden und Schweigen, Konflikt und Harmonie, Übereinstimmung und Widerspruch, Opfer und Täter, kurz und lang, warm und kalt, arm und reich etc., sind nicht nur Polaritäten, sie können auch im Rahmen von Yin und Yang eingeordnet und verstanden werden.
Die Lehre von Yin und Yang ist überall anwendbar, im Alltag und in den Wissenschaften, in der Astro- wie in der Quantenphysik, in Musik, Medizin, Politik Gesellschaft, in der Küche wie n der Landwirtschaft. Über ein solches, einigendes Erkenntnissystem verfügt der Westen nicht; es geht über den Wunschtraum der modernen Physik hinaus, die Welt der Materie theoretisch mit zwei Kräften beschreiben zu können, denn wer Yin und Yang in der jeweiligen Situation zu sehen weiß, kennt zudem mit den zwölf Gesetzen des Wandels die Muster, nach denen sich der Wandel vollzieht.
Symbolisiert wird die Lehre von Yin und Yang durch das altchinesische Yin-Yang-Symbol, das im Taoismus, im Konfuzianismus und in anderen Lehren beheimatet ist. Es stellt die Polarität als dynamisches Verhältnis dar. Yin und Yang stehen sich nicht starr gegenüber, zwischen ihnen besteht ein dynamisches Gleichgewicht. Es gibt kein reines Yin und kein reines Yang; Yin enthält immer ein Element von Yang und umgekehrt.
Nach Georges Ohsawa sind die zwölf Gesetze des Wandels das einzige Prinzip der über 5000 Jahre alten Philosophie und Wissenschaft des alten China. Aus diesen Gründen nennt er die zwölf Gesetze des Wandels das Einzige Prinzip der fernöstlichen Philosophie. Er schreibt:
Die relative und stoffliche Welt ist außerordentlich vielgestaltig in ihrem Ausdruck und ihren Erscheinungen. Nach außen wirkt sie chaotisch, dennoch beherrscht sie ein Gesetz: Das Einzige Prinzip oder Yin-Yang.
Georges Ohsawa: Das Wunder der Diätetik, Ohsawa Zentrale Deutschland, Düsseldorf, S. 58.
Für ihn ist das Einzige Prinzip eine Urerfahrung des Menschen; seine Übertragung und Auslegung aber können metaphysischer und physikalischer Art sein. Um der heutigen wissenschaftlich ausgerichteten Welt zu entsprechen, hat er das metaphysisch ausgerichtete, klassische chinesische Verständnis von Yin und Yang buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt. Neben „dem Tabubruch“, der expliziten Formulierung der Muster des Wandels, ist es dieser kühne Schritt, der uns die klassische chinesische Weltsicht und damit eine mehrere Tausend Jahre alte Form von Wissenschaft zugänglich macht.
Die Beurteilung eines Phänomens, eines Zusammenhangs oder eines Musters nach Yin und Yang folgt einfachen Prinzipien, doch stellt die richtige Wahl und Gewichtung der maßgebenden Größen häufig eine veritable Kunst dar. Dabei sind Yin und Yang in einem umfassenden Sinn zu verstehen und zeigen relative Tendenzen an, die sich aus der Art, wie die zu beurteilenden Phänomene miteinander verglichen werden, ergeben: Werden die maßgebenden Größen in ihrer Dynamik erfasst, kann jedes Phänomen in dem interessierenden Kontext als eher Yin oder Yang beobachtet, erfahren und verstanden werden. (Diese Klassifizierung ist zunächst das Thema eines Grundunterrichts und danach immer wieder neu das Sujet eines regen Austauschs unter Gleichgesinnten.)
Doch sind hier die Kategorien nicht starr wie in der aristotelischen Logik, auf der das westliche Denken beruht. So ist, um ein Beispiel zu geben, lauwarmes Wasser im Vergleich zu heißem eher Yin, da die Wärme im Vergleich zur Kälte Yang ist und die Kälte Yin. Doch aus demselben Grund ist lauwarmes Wasser im Vergleich zu kaltem Wasser eher Yang.
Die Weise, Yin und Yang zu sehen, folgt einfachen Prinzipien:
Die Tendenz: Hier geht Yin eher im Sinn der Ausdehnung und Yang im Sinn des Zusammenziehens.
Die Dimension: Yin repräsentiert den Raum und Yang die Zeit.
Die Lage: Das Äußere ist eher Yin und das Innere eher Yang.
Die Richtung: Yin geht eher nach oben und Yang eher nach unten.
Was die Farbe betrifft ist Yin eher grün, blau, violett und Yang eher rot, orange und gelb.
Was die Temperatur betrifft: Je kälter, umso stärker Yin, je wärmer, umso stärker Yang.
Die Arbeit, die stärker psychologisch, geistig oder spirituell ist, ist eher Yin, während eine stärker physische, materielle oder soziale Arbeit eher Yang ist.
Was die Haltung betrifft, ist eine liebenswürdige, passive und empfängliche eher Yin, während eine stärker aktive, positive oder aggressive eher Yang ist.
Im Reich des Lebens ist der Bereich der Pflanzen im Vergleich zum Tierreich eher Yin.
Im Bereich der Botanik ist das, was stärker beblättert, verzweigter, saftiger oder tropischen Ursprungs ist, eher Yin, während die kleineren, stärker zusammengezogenen und weniger saftigen, aus einer kälteren Klimazone stammenden Wurzeln und Pflanzen eher Yang sind.
Nach diesem ersten Schritt beschreiben die zwölf Gesetze des Wandels, wie sich die zu beurteilenden Phänomene wandeln werden. Sie legen dar, wie Yin und Yang in der jeweiligen Situation wirken und wie sich das Geschehen entwickeln wird. Wer mit dieser Weltsicht vertraut ist, weiß, zumindest theoretisch, wie der jeweilige Sachverhalt im Rahmen von Yin und Yang verstanden werden kann – und lernt in einem amüsanten, höchst anregenden Zeitvertreib dauernd neu hinzu. Zudem kennt er die Muster, mit denen Yin und Yang unaufhörlich dieses Universum weben. Sie erlauben es, die Vorgeschichte des jeweiligen Sachverhalts zu verstehen und die weitere Entwicklung vorherzusehen, ob es sich um eine Krankheit oder um ein gesellschaftspolitisches Phänomen wie die westliche Zivilisation handelt. Mit dieser Lehre können deshalb bewusst Ungleichgewichte ausgeglichen und zukünftige Situationen antizipiert werden. Nur die profunde Kenntnis des Einzigen Prinzips der fernöstlichen Philosophie ist dazu nötig. Allein auf diesem Weg einer Jahrzehnte langen intensiven, theoretischen und praktischen Auseinandersetzung kann die Erkenntnis reifen und zur Gewissheit werden, dass es sich hier um kosmische Muster handelt. Allein auf diesem Weg kann das intellektuelle Verständnis so weit assimiliert werden, dass es zur unmittelbaren Schauung wird.
Wer diese Wissenschaft versteht ist ein Experte, wer sie umfassend assimiliert ist mehr als ein Meister. Georges Ohsawa beherrschte die Mechanismen des Wandels und wusste, wie Yin in Yang und Yang in Yin verwandelt werden können. Er hatte dieses Weltverständnis so verinnerlicht, dass er Yin und Yang im wahrsten Sinn des Wortes sehen konnte: Er sah mit der „magischen Brille von Yin und Yang“, wie er dieses Sehen bei seinen Unterweisungen von Kindern nannte.
Eine ausführlichere Einführung ist in dem Abschnitt Die Lehre von Yin und Yang in der Schrift Ein verwegenes Leben und sein zureichender Grund zu finden.
© edition zenon, März 2026
