Eine ande­re Art von Wis­sen­schaft­lich­keit

Die Ord­nung des Uni­ver­sums ist auf allen Gebie­ten anwend­bar, in der Wis­sen­schaft, Land­wirt­schaft, Poli­tik, Medi­zin, Gesund­heit, Ernäh­rung wie auch bei allen gesell­schaft­li­chen, geis­ti­gen und psy­chi­schen Vor­gän­gen. Als ein expli­zit dar­ge­leg­tes Sys­tem zur Beschrei­bung die­ses Uni­ver­sums stellt sie den Wunsch­traum der moder­nen Phy­sik dar, die Welt der Mate­rie mit zwei Kräf­ten zu beschrei­ben. Den­noch ten­diert der Weg, dem das mensch­li­che Erkennt­nis­ver­mö­gen in den west­li­chen Wis­sen­schaf­ten folgt, in eine ande­re Rich­tung als im Fer­nen Osten. In den west­li­chen Wis­sen­schaf­ten führt er vom Ein­zel­nen zum All­ge­mei­nen, um so zu einem Ver­ständ­nis des Gesam­ten zu gelan­gen, wäh­rend in der Ord­nung des Uni­ver­sums die Mus­ter bekannt sind, nach denen das Uni­ver­sum abläuft. Sie sind in den sie­ben Prin­zi­pi­en und zwölf Sät­zen des Ein­zi­gen Prin­zips  expli­zit beschrie­ben. Sie wer­den benutzt, um das Spe­zi­el­le zu ver­ste­hen. 

Auch die Zie­le die­ser bei­den Wis­sen­schafts­sys­te­me unter­schei­den sich. Den Unter­schied zwi­schen dem west­li­chen Vor­ge­hen und der öst­li­chen Sicht stellt Geor­ges Ohsa­wa so dar:

Wäh­rend die west­li­che Wis­sen­schaft die Erobe­rung der Welt zum Ziel hat, hat die For­schung des Fer­nen Ostens die Anpas­sungs­fä­hig­keit an die Natur zum Ziel. Des­halb ver­sucht die­se nicht das Gebäu­de zu ver­stär­ken, damit es bei Erd­be­ben wider­steht, son­dern sucht die Mit­tel, immer mit Yin und Yang, um es an Erd­be­ben anzu­pas­sen.

Jac­ques Mitt­ler: Le Prin­ci­pe de la Paix Éter­nel­le. Une logi­que pour le XXIième siè­cle (dt. Das Prin­zip des Ewi­gen Frie­dens. Eine Logik für das 21. Jahr­hun­dert). 1992, Sei­te 284.

Wer mit den moder­nen west­li­chen Natur­wis­sen­schaf­ten ver­traut ist, ins­be­son­de­re mit der axio­ma­ti­schen Metho­de der Mathe­ma­tik, ihrer klars­ten Aus­prä­gung, wird die Ord­nung des Uni­ver­sums oder das Ein­zi­ge Prin­zip als eine Art Axio­men­sys­tem anse­hen. Aus west­li­cher Sicht müs­sen Axio­men­sys­te­me unab­hän­gig und wider­spruchs­frei sein. Wenn eines der Axio­me, also eine der Grund­an­nah­men, sich aus ande­ren Axio­men logisch ablei­ten lässt, ist das gesam­te Sys­tem nicht unab­hän­gig. Wider­spruchs­frei bedeu­tet, dass ein logi­sches Schlie­ßen auf der Grund­la­ge die­ser Axio­me nicht dazu füh­ren darf, dass eine Aus­sa­ge und ihr logi­sches Gegen­teil gleich­zei­tig bewie­sen wer­den kön­nen.

Im Rah­men der Ord­nung des Uni­ver­sums ist die Sach­la­ge eine ande­re, da es sich hier nicht um ein Axio­men­sys­tem han­delt. Hier wer­den die Mus­ter, die dem Uni­ver­sum zu Eigen sind, dar­ge­legt. Sie wer­den auf­ge­zählt, damit wir uns ihrer bewusst wer­den und sie erken­nen kön­nen, wenn wir auf sie tref­fen. Wir wis­sen, dass sie sich nicht ins Gehe­ge kom­men wer­den: Das Uni­ver­sum ist wider­spruchs­frei. Das Ver­ste­hen im Rah­men der Ord­nung des Uni­ver­sums ist eher intui­ti­ver Art. Ein intel­lek­tu­el­les Ver­ste­hen spielt in der Anfangs­pha­se der Beschäf­ti­gung mit der Ord­nung des Uni­ver­sums eine Rol­le, um zu einem eige­nen Urteil zu gelan­gen, ob ihre Mus­ter zutref­fend sind. Danach geht es, wie bereits gesagt, um ein immer stär­ker wer­den­des intui­ti­ves Erken­nen und Ver­ste­hen, bis die Mus­ter assi­mi­liert sind.

Mög­li­cher­wei­se wird Ihnen die Behaup­tung, die dem Uni­ver­sum zugrun­de lie­gen­den Mus­ter zu ken­nen, ver­mes­sen erschei­nen, unab­hän­gig davon, ob die­se expli­zit dar­ge­stellt sind wie in der Ord­nung des Uni­ver­sums oder impli­zit, wie im phi­lo­so­phi­schen Tao­is­mus oder im I‑Ging, das Buch der Wand­lun­gen. Zu die­sem Buch, das in sei­nem Ursprung ein Buch der Ora­kel, doch weit wich­ti­ger, ein Weis­heits­buch ist, heißt es, dass es

„zum intui­ti­ven Ver­ständ­nis der Welt­ver­hält­nis­se, zum Ein­drin­gen in die letz­ten Tie­fen von Natur und Geist“

dient. Es ent­hal­te das Maß von Him­mel und Erde; die Fra­ge inwie­fern das Buch der Wand­lun­gen ein sol­ches Abbild des Kos­mos sein kön­ne, beant­wor­te sich dadurch, dass es das Werk von Men­schen mit kos­mi­scher Intel­li­genz ist, die ihre Weis­heit in den Sym­bo­len die­ses Buchs nie­der­ge­legt haben. Indem die­se Wei­sen

„die Ord­nung der Außen­welt bis zu Ende durch­dach­ten und das Gesetz des eige­nen Inne­ren bis zum tiefs­ten Kern ver­folg­ten, gelang­ten sie bis zum Ver­ständ­nis des Schick­sals.“ 

I‑Ging. Text und Mate­ria­li­en. Über­setzt von Richard Wil­helm. Diede­richs Gel­be Rei­he, Ver­lag, Mün­chen, 17. Auf­la­ge 1992, S. 245 und 244.

Tat­säch­lich bie­tet sich hier die Mög­lich­keit, aus dem Bereich rela­ti­ven Wis­sens her­aus­zu­kom­men und bis in die tiefs­ten Schich­ten zu gelan­gen, um das abso­lu­te EINE zu erfas­sen. In einem sol­chen Zustand der Ver­sen­kung kon­templi­er­ten die­se Men­schen Him­mel und Erde wie auch die Mus­ter, die dem Uni­ver­sum zugrun­de lie­gen. Auch die­se Fest­stel­lung muss west­lich gepräg­ten Lesern so fremd vor­kom­men wie die Behaup­tung, die­se Mus­ter zu ken­nen.

Doch das Schei­tern des gro­ßen geschicht­li­chen Pro­jekts des Fort­schritts auf mate­ri­el­lem Gebiet, das die Mensch­heit in den letz­ten Jahr­hun­der­ten antrieb, spricht eine ande­re Spra­che, auch wenn wir uns bis heu­te hart­nä­ckig wei­gern, uns die­ser Her­aus­for­de­rung zu stel­len. Denn unse­re geschicht­li­chen Erfah­run­gen deu­ten dar­auf hin, was im Rah­men der Ord­nung des Uni­ver­sums unmit­tel­bar sicht­bar ist: Fort­schritt ist nicht ohne Rück­schritt zu haben und zugleich sind mit gro­ßen Fort­schrit­ten auch gro­ße Rück­schrit­te ver­bun­den. Das ist das soge­nann­te Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt, das im Rah­men der west­li­chen Wis­sen­schaf­ten und des west­li­chen Den­kens nicht auf­lös­bar ist. Im Gegen­satz dazu ist im Rah­men der Ord­nung des Uni­ver­sums eine Lösung zu sehen, näm­lich eine geis­tig-spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung hin zum EINEN.

Wir müs­sen uns bewusst sein, dass sich heu­te ein grund­sätz­li­cher Para­dig­men­wech­sel voll­zieht. Die Mensch­heit ist auf ihrem Weg, die Welt zu beherr­schen, unwi­der­ruf­lich an Gren­zen gelangt. Unüber­seh­bar drängt die Natur sie zurück und weist sie in Schran­ken. So wird zukünf­tig die Anpas­sung an ver­än­der­te Gege­ben­hei­ten zum maß­ge­ben­den Aspekt wer­den, wodurch das fern­öst­li­che Welt­ver­ständ­nis zusam­men mit der Ord­nung des Uni­ver­sums in den Vor­der­grund rücken wird. Auch aus die­sem Grund ist eine genaue Kennt­nis bei­der Wis­sen­schafts­sys­te­me unab­ding­bar.

Wei­ter­füh­ren­de Aus­füh­run­gen sind in den Schrif­ten Ein ver­we­ge­nes Leben und sein zurei­chen­der Grund und Der fried­lich-evo­lu­tio­nä­re Weg zu fin­den. Das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt wird aus­führ­lich the­ma­ti­siert in Geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung aus geschicht­li­cher Not­wen­dig­keit. 

© edi­ti­on zen­on, März 2026


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