Die Tücken der inte­gra­ti­ven Ten­denz

(Wir emp­feh­len zum bes­se­ren Ver­ständ­nis zunächst die Lek­tü­re des Texts Das Yin und Yang der Evo­lu­ti­on, auf dem die fol­gen­den Dar­le­gun­gen auf­bau­en.)

Wie in Das Yin und Yang der Evo­lu­ti­on beschrie­ben wird, haben die ein­zel­nen Tei­le einer hier­ar­chi­schen Ord­nung zwei gegen­sätz­li­che, sich ergän­zen­de Gesich­ter: Das nach oben, den höhe­ren Stu­fen zuge­wand­te Gesicht ist das eines abhän­gi­gen Teils; das nach unten, zu sei­nen eige­nen Bestand­tei­len gewand­te Gesicht, ist das eines bemer­kens­wert sou­ve­rä­nen Gan­zen. Ein sol­ches Gebil­de ist janus­köp­fig; ihm sind zwei gegen­sätz­li­che Ten­den­zen zu eigen: die inte­gra­ti­ve oder selbst­tran­szen­die­ren­de Ten­denz, um als Teil des über­ge­ord­ne­ten Gan­zen zu funk­tio­nie­ren und die selbst­be­haup­ten­de Ten­denz, um sei­ne indi­vi­du­el­le Auto­no­mie zu wah­ren. In die­sen bei­den Ten­den­zen zeigt sich auf die­ser Stu­fe der Ent­wick­lung das evo­lu­tio­nä­re Wir­ken von Yin und Yang.

Auch der Mensch ist ein janus­för­mi­ges Wesen. Hier drückt sich die selbst­be­haup­ten­de Ten­denz in einem Behar­ren auf Auto­no­mie und den eige­nen Zie­len aus, wäh­rend die inte­gra­ti­ve Ten­denz sich in dem nicht zu unter­drü­cken­den Ver­lan­gen äußert, selbst­er­wei­ternd umfas­sen­de­re Struk­tu­ren zu schaf­fen und Teil in einem grö­ße­ren Gan­zen zu wer­den. Die Selbst­tran­szen­denz ist ein Teil der mensch­li­chen Beschaf­fen­heit; sie zeigt sich in der Nei­gung, über sein Ich und sei­ne Per­son hin­aus­zu­ge­hen. Die damit ver­bun­de­ne Dyna­mik beschreibt Geor­ges Ohsa­wa so:

Was wir am meis­ten lie­ben und bewun­dern ist immer unser Gegenpol,der uns schließ­lich ver­nich­tet, wenn wir uns ihm über­mä­ßig hin­ge­ben. Das ist unum­stöß­lich. Es ist das obers­te Gesetz die­ser rela­ti­ven, stoff­ge­bun­de­nen Welt. Aber wenn Sie die­sen trost­lo­sen Zer­fall nicht wol­len, brau­chen Sie nur das Ewig­wäh­ren­de zu wäh­len: das, was die Ord­nung des Uni­ver­sums, das Unend­li­che, vor­schreibt.

Geor­ges Ohsa­wa: Das Wun­der der Diä­te­tik. S. 58. Die Über­set­zung wur­de gering­fü­gig geän­dert.

Solan­ge das Objekt der Hin­ga­be der end­li­chen Welt ange­hört ist nach der Ord­nung des Uni­ver­sums die damit ver­bun­de­ne Ent­wick­lung des Men­schen dem dia­lek­ti­schen Zusam­men­spiel der Gegen­sät­ze aus­ge­setzt. Des­halb wen­det sich unver­meid­bar Hin­ga­be in Ent­täu­schung, Frus­tra­ti­on, ja in Gewalt. Die damit ver­bun­de­nen Fol­gen zie­hen sich als ein­zig­ar­ti­ge Blut­spur durch die Geschich­te der Mensch­heit. Der Schrift­stel­ler Arthur Koest­ler schreibt dazu:

Kein His­to­ri­ker wür­de leug­nen, dass die Bedeu­tung der aus per­sön­li­chen Moti­ven began­ge­nen Ver­bre­chen sehr gering ist, wenn man sie mit dem Abschlach­ten gan­zer Völ­ker aus Loya­li­tät gegen­über einem eifer­süch­ti­gen Gott, König, Land oder poli­ti­schem Sys­tem ver­gleicht. Die per­sön­li­chen Unta­ten Cali­gu­las schrump­fen ange­sichts der von Tor­que­ma­da, dem spa­ni­schen Groß­in­qui­si­tor ange­ord­ne­ten Blut­bä­der zu einem belang­lo­sen Nichts zusam­men. Die Zahl der Men­schen, die von Ban­di­ten, Stra­ßen­räu­bern, Gangs­tern und ande­ren aso­zia­len Ele­men­ten umge­bracht wur­den, fällt ange­sichts der Mas­sen, die im Namen der wah­ren Reli­gi­on oder der gerech­ten Sache leich­ten Her­zens erschla­gen wur­den, kaum ins Gewicht. Ket­zer wur­den nicht aus Wut, son­dern aus Sor­ge um das Wohl­erge­hen ihrer unsterb­li­chen See­len gefol­tert und ver­brannt. Die sowje­ti­schen und chi­ne­si­schen Säu­be­rungs­wel­len wur­den als Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der Sozi­al­hy­gie­ne hin­ge­stellt, um die Mensch­heit auf das Gol­de­ne Zeit­al­ter der klas­sen­lo­sen Gesell­schaft vor­zu­be­rei­ten. Die Gas­kam­mern der Nazis soll­ten ein Tau­send­jäh­ri­ges Reich ein­lei­ten. (…) Die Ver­wüs­tun­gen, die im Lauf der mensch­li­chen Geschich­te durch Exzes­se der indi­vi­du­el­len Selbst­be­haup­tung ange­rich­tet wur­den, sind quan­ti­ta­tiv uner­heb­lich, wenn man die Mas­sa­ker dage­gen­hält, die ad majo­rem glo­ri­am, zum höhe­ren Ruhm von irgend etwas, aus selbst­tran­szen­die­ren­der Erge­ben­heit gegen­über einer Flag­ge, einem Füh­rer, einem reli­giö­sen Glau­ben oder einer poli­ti­schen Über­zeu­gung ver­an­stal­tet wur­den. (…) Die Anna­len der Geschich­te stel­len uns somit vor das Para­do­xon, dass die Tra­gö­die des Men­schen nicht in sei­ner Aggres­si­vi­tät, son­dern in sei­ner Hin­ga­be an über­per­sön­li­che Idea­le wur­zelt.

Arthur Koest­ler: Der Mensch Irr­läu­fer der Evo­lu­ti­on, Scherz Ver­lag,1978, S. 99.

Mit dem Wunsch, über sich selbst hin­aus­zu­ge­hen und sich in der Hin­ga­be zu tran­szen­die­ren, ent­äu­ßern sich die Ein­zel­nen in Grup­pen, opfern sich selbst auf und behan­deln gleich­zei­tig rea­le oder ein­ge­bil­de­te kol­lek­ti­ve Fein­de mit rück­sichts­lo­ser Grau­sam­keit. Die hier lau­ern­de Gefahr wird gene­rell nicht wahr­ge­nom­men, auch nicht von Reli­gi­on noch Wis­sen­schaft. Der von Geor­ges Ohsa­wa auf­ge­zeig­te Aus­weg ist seit Jahr­hun­der­ten in der christ­lich-abend­län­di­schen Zivi­li­sa­ti­on ver­sperrt. Als Fol­ge einer unzu­rei­chen­den Ant­wort auf die Miss­stän­de in der Kir­che Roms im aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ter ist die Bezie­hung zum EINEN bis zum heu­ti­gen Tag blo­ckiert. Kein leben­di­ges Band: Sich dem Ewig­wäh­ren­den hin­zu­ge­ben und Es zu lie­ben ist in dem dog­ma­tisch defi­nier­ten Ver­hält­nis nur weni­gen Men­schen gege­ben. 

Damit wur­den trotz des Zusam­men­bruchs sämt­li­cher zivi­li­sa­to­ri­scher Vor­stel­lun­gen wäh­rend des Holo­caust, auch kei­ne gang­ba­ren Wege zu einem kon­struk­ti­ven Umgang mit der Nei­gung zur Selbst­tran­szen­denz gesucht. Bis heu­te hat die west­li­che Welt kei­ne Ant­wort auf die­se exis­ten­zi­el­le Her­aus­for­de­rung gefun­den. Der bri­ti­sche His­to­ri­ker Ian Kers­haw, Autor einer monu­men­ta­len Bio­gra­phie über Adolf Hit­ler, schreibt:

Wenn wir eine „Lek­ti­on“ aus dem Holo­caust zie­hen wol­len, so scheint es mir – im vol­len Bewusst­sein sei­nes ein­zig­ar­ti­gen geschicht­li­chen Cha­rak­ters in dem Sinn, dass er kei­nen Vor­gän­ger hat – unver­zicht­bar zuzu­ge­ben, dass sich unse­re Welt nicht defi­ni­tiv vor der­ar­ti­gen Scheuß­lich­kei­ten schüt­zen konn­te.

Qu’est-ce que le Nazis­me? Pro­blè­mes et Per­spec­ti­ves d’interprétation, (dt.: Der NS-Staat. Geschichts­in­ter­pre­ta­tio­nen und Kon­tro­ver­sen im Über­blick). Gal­li­mard, Paris, 1997. Das Zitat ist ent­nom­men aus: Le Mon­de Diplo­ma­tique, Aus­ga­be März 2005, Sei­te 28.

Es gin­ge, führt er wei­ter aus, nicht mehr dar­um, den Holo­caust durch die jüdi­sche Geschich­te oder durch die Bezie­hun­gen zwi­schen Juden und Deut­schen zu erklä­ren, son­dern dar­um, die Patho­lo­gie der moder­nen Staa­ten zu ver­ste­hen und die „Zivi­li­sa­ti­on“, jene dün­ne Lack­schicht mit der die fort­ge­schrit­te­nen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten über­zo­gen sind, zu hin­ter­fra­gen. Mit die­ser Patho­lo­gie haben sich die deutsch­stäm­mi­gen Sozio­lo­gen Max Hork­hei­mer und Theo­dor Ador­no bereits im Jahr 1944 aus­ein­an­der­ge­setzt. Als Mei­len­stein gilt bis heu­te ihre im ame­ri­ka­ni­schen Exil ver­fass­te Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Theo­dor W. Ador­no schreibt dazu:

Die öko­no­mi­sche Ord­nung und, nach ihrem Modell, weit­hin auch die öko­no­mi­sche Orga­ni­sa­ti­on ver­hält nach wie vor die Majo­ri­tät zur Abhän­gig­keit von Gege­ben­hei­ten, über die sie nichts ver­mag, und zur Unmün­dig­keit. Wenn sie leben wol­len, bleibt ihnen nichts übrig, als dem Gege­be­nen sich anzu­pas­sen, sich zu fügen; sie müs­sen eben jene auto­no­me Sub­jek­ti­vi­tät durch­strei­chen, an wel­che die Idee der Demo­kra­tie appel­liert, kön­nen sich sel­ber erhal­ten nur, wenn sie auf ihr Selbst ver­zich­ten.(…) Die Not­wen­dig­keit sol­cher Anpas­sung, die zur Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Bestehen­dem, Gege­be­nem, mit Macht als sol­cher [führt], schafft das tota­li­tä­re Poten­ti­al. Es wird ver­stärkt von der Unzu­frie­den­heit und der Wut, die der Zwang zur Anpas­sung sel­ber pro­du­ziert und repro­du­ziert. (…) Die, deren Ohn­macht andau­ert, kön­nen das Bes­se­re nicht ein­mal als Schein ertra­gen; lie­ber möch­ten sie die Ver­pflich­tung zu einer Auto­no­mie los­wer­den, von der sie arg­wöh­nen, dass sie ihr doch nicht nach­le­ben kön­nen, und sich in den Schmelz­tie­gels des Kol­lek­tiv-Ichs wer­fen. Auf­ge­ar­bei­tet wäre Ver­gan­gen­heit erst dann, wenn die Ursa­chen besei­tigt wären.

Theo­dor W. Ador­no: Was bedeu­tet Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit. Die Tages­zei­tung (TAZ), 19.3.1990.

Die­sen Bann konn­te der Wes­ten nicht bre­chen. Die Ursa­chen bestehen wei­ter und schaf­fen frucht­ba­re Reso­nanz­bö­den. Heu­te, im Jahr 2026, hören wir die Trom­meln wie­der, die das mensch­li­che Bedürf­nis zur Selbst­tran­szen­denz zum Schwin­gen brin­gen und es für ihre Zwe­cke miss­brau­chen, durch die moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien gigan­tisch ver­stärkt. Ver­füh­rung und Unter­gang. Im Wes­ten nichts Neu­es, doch heu­te ist die gesam­te Welt mit­ein­be­zo­gen.

© edi­ti­on zen­on, Mai 2026


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