Die sie­ben Prin­zi­pi­en und zwölf Geset­ze der Ord­nung des Uni­ver­sums

Die Mus­ter, die nach Geor­ges Ohsa­wa der Ord­nung die­ses Uni­ver­sums zugrun­de lie­gen, fass­te er in sie­ben Prin­zi­pi­en zusam­men. In sei­nem im Jahr 1961 erschie­ne­nen Buch Die fern­öst­li­che Philo­sophie im nuklea­ren Zeit­al­ter for­mu­liert er sie so:

1. Alles was einen Anfang hat, hat ein Ende.

2. Alles, was eine Vor­der­sei­te hat, hat auch eine Rück­sei­te.

3. Es gibt nichts Iden­ti­sches.

4. Je grö­ßer die Vor­der­sei­te, des­to grö­ßer die Rück­sei­te.

5. Alle Gegen­sät­ze ergän­zen sich.

6. Yin und Yang sind die Klas­si­fi­zie­run­gen jeg­li­cher Pola­ri­sa­ti­on. Sie sind ant­agonistisch und kom­ple­men­tär.

7. Yin und Yang sind die bei­den Arme des (unend­li­chen) EINEN.

Geor­ges Ohsa­wa: L’È­re Ato­mi­que et la Phi­lo­so­phie d’Ex­trè­me-Ori­ent (dt.: Die fern­öst­li­che Philo­sophie im nuklea­ren Zeit­al­ter), Librai­rie Phi­lo­so­phi­que Vrin; 1962, S. 54. Die Über­set­zung der sie­ben Prinzi­pien in der deut­schen Aus­ga­be weist Unge­nau­ig­kei­ten auf. Des­halb wur­de hier auf die Originalar­beit zurück­ge­grif­fen.

Nach der Ord­nung des Uni­ver­sums gehen alle Phä­no­me­ne aus dem EINEN, dem ein­heit­li­chen Grund­prin­zip, her­vor. Der Ursprung, den Geor­ges Ohsa­wa das EINE nennt, exis­tiert jen­seits der Wahr­neh­mung unse­rer Sin­ne. Er wird auch das Abso­lu­te, Brah­man, die Ein­zige Rea­li­tät, der Urquell, Gott, Tao, Jah­we, Allah, das Unend­li­che usw. genannt. Die sie­ben Prin­zi­pi­en ver­bin­den die end­li­che mit der unend­li­chen Welt.

Bereits in die­sem Punkt unter­schei­det sich das Den­ken im Rah­men der Ord­nung des Uni­ver­sums vom moder­nen west­li­chen Den­ken. Wäh­rend sich die­ses allein auf die Welt der Phä­no­me­ne beschränkt und des­halb nur eine hori­zon­ta­le Dimen­si­on auf­weist, wird hier das EINE expli­zit in den Betrach­tun­gen mit­ein­be­zo­gen. Es kommt also eine ver­ti­ka­le Dimen­si­on hin­zu. Aus einer lai­zis­ti­schen Sicht kann die­ser Punkt leicht als Rück­fall in mit­tel­al­ter­li­che Welt­vor­stel­lun­gen ver­stan­den wer­den. Doch allein schon das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt macht deut­lich, dass es auf der hori­zon­ta­len Ebe­ne kei­nen Aus­weg aus einer Sack­gas­se gibt, in die uns unser feh­ler­an­fäl­li­ges Den­ken geführt hat; schlim­mer noch, alle Ver­su­che auf der mate­ri­el­len Ebe­ne, aus den Schwie­rig­kei­ten her­aus­zu­kom­men, wer­den unse­re Lage nur ver­schär­fen. (Die­ses The­ma wird aus­führ­lich in der Schrift Geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung aus geschicht­li­cher Not­wen­dig­keit der blau­en Rei­he dar­ge­stellt.)

Wenn die Ein­zel­nen die Welt ent­spre­chend der Ord­nung des Uni­ver­sums ver­ste­hen, han­deln sie in dem Bewusst­sein, dass alles einer Quel­le ent­springt und alles Ent­stan­de­ne ver­ge­hen wird, alles zwei Sei­ten hat, sich wan­delt und rela­tiv ist. Sie wis­sen, dass Gegen­sät­ze nicht nur gegen­sätz­lich sind, son­dern sich auch ergän­zen. Gegen­sät­ze bil­den eine nicht­auf­lös­ba­re Ganz­heit, Pola­ri­tät genannt. So gibt es kei­nen Vor­teil ohne Nach­teil und umge­kehrt, denn bei­de exis­tie­ren gemein­sam oder gar nicht. Zudem sind nach dem vier­ten Prin­zip mit gro­ßen Vor­tei­len auch gro­ße Nach­tei­le ver­bun­den. Pola­ri­tät ist ein wesent­li­ches, her­aus­ste­chen­des Mus­ter in die­ser von Yin und Yang unun­ter­bro­chen gewirk­ten Welt.

Fer­ner kön­nen nach der Ord­nung des Uni­ver­sums alle Phä­no­me­ne in zwei Kate­go­rien unter­schie­den und klas­si­fi­ziert wer­den: Yin und Yang. Yin, das zen­tri­fu­ga­le Prin­zip, äußert sich in der Kraft der Aus­deh­nung, der Erwei­te­rung, der Ver­dün­nung und der Druck­ab­nah­me; Yang, die zen­tri­pe­ta­le Prin­zip, zeigt sich in der Kraft der Zusam­men­zie­hung, des Dru­ckes und des Zusam­men­halts. Nach der Ord­nung des Uni­ver­sums regeln Yin und Yang nicht nur das Leben und die Ange­le­gen­hei­ten der Men­schen, son­dern auch die Geschich­te der Mensch­heit als Gan­zes. Sie bestim­men über Wachs­tum, Sta­gna­ti­on und Nie­der­gang im Leben von Men­schen, Fami­li­en und Zivi­li­sa­tio­nen, über Gesund­heit und Krank­heit, über Krieg und Frie­den.

Die sie­ben Prin­zi­pi­en der Ord­nung des Uni­ver­sums wer­den durch die zwölf Geset­ze des soge­nann­ten Ein­zi­gen Prin­zips der fern­öst­li­chen Phi­lo­so­phie ver­voll­stän­digt. Sie erlau­ben es, alle Phä­no­me­ne im Rah­men von Yin und Yang zu unter­schei­den und zu klas­si­fi­zie­ren. In Die Fern­öst­li­che Phi­lo­so­phie im Nuklea­ren Zeit­al­ter for­mu­liert Geor­ges Ohsa­wa die­se Geset­ze so:

1. Yin/Yang sind zwei Pole, die in Kraft tre­ten, wenn die unend­li­che Expan­si­on den geo­me­tri­schen Punkt der Zwei­tei­lung erreicht.

2. Yin/Yang erge­ben sich fort­lau­fend aus der unend­li­chen Expan­si­on.

3. Yin ist zen­tri­fu­gal, Yang ist zen­tri­pe­tal. Yin und Yang erzeu­gen die Ener­gie.

4. Yin zieht Yang an, und Yang zieht Yin an.

5. Yin und Yang, in varia­blen Pro­por­tio­nen kom­bi­niert, erzeu­gen alle Phä­no­me­ne.

6. Alle Phä­no­me­ne sind ver­gäng­lich, es sind unend­lich kom­ple­xe Ver­bin­dun­gen, die durch ihre Kom­po­nen­ten Yin und Yang in stän­di­ger Bewe­gung gehal­ten wer­den. Alles ist ruhe­los.

7. Nichts ist voll­kom­men Yin, nichts ist voll­kom­men Yang, auch wenn es in sei­ner Erschei­nung sehr ein­fach ist. Alles erhält die Pola­ri­tät in jeder Pha­se sei­ner Bil­dung.

8. Nichts ist neu­tral. Immer über­wiegt ent­we­der Yin oder Yang.

9. Die Anzie­hungs­kraft ist pro­por­tio­nal zur Dif­fe­renz der Bestand­tei­le von Yin und Yang.

10. Zwi­schen Yin und Yang bestehen außer den anzie­hen­den auch absto­ßen­de Kräf­te. Absto­ßung bezie­hungs­wei­se Anzie­hung sind umge­kehrt pro­por­tio­nal zur Dif­fe­renz der Bestand­tei­le von Yin und Yang.

11. Aus Zeit und Raum erzeugt Yin Yang und Yang erzeugt Yin.

12. Jeder phy­si­ka­li­sche Kör­per ist Yang im Zen­trum und Yin an der Ober­flä­che.

Geor­ges Ohsa­wa : Die fern­öst­li­che Phi­lo­so­phie im Nuklea­ren Zeit­al­ter. Ver­lag Franz Thie­le, Ham­burg, 11. Auf­la­ge, 1986, Sei­te 44.

Hier nennt Geor­ges Ohsa­wa das EINE die unend­li­che Expan­si­on: Yin und Yang wer­den stän­dig durch die fort­lau­fen­de Wir­kung des Urquells mani­fes­tiert und erzeu­gen ihrer­seits im end­lo­sen Wan­del die Welt des Rela­ti­ven. Die zwölf Geset­ze beschrei­ben expli­zit, wie Yin und Yang wir­ken. Um im Wes­ten bes­ser ver­stan­den zu wer­den, hat Geor­ges Ohsa­wa das meta­phy­sisch aus­ge­rich­te­te klas­si­sche chi­ne­si­sche Ver­ständ­nis von Yin und Yang vom Kopf auf die Füße gestellt. Wäh­rend dort der Him­mel als das Lebens­spen­den­de als Yang und die Erde als das Emp­fan­ge­ne als Yin ange­se­hen wur­de, steht in der Sicht Geor­ges Ohsa­was die Erde als das Schwe­re­re unter dem Ein­fluss des Zen­tri­pe­ta­len und der Him­mel als das Leich­te­re unter dem Ein­fluss des Zen­tri­fu­ga­len. Des­halb wird hier der Him­mel als Yin und die Erde als Yang auf­ge­fasst.

Die­ses Welt­ver­ständ­nis nennt Geor­ges Ohsa­wa eine prak­ti­sche Dia­lek­tik. Dia­lek­tisch, weil das Uni­ver­sum auf der Gegen­sätz­lich­keit von Yin und Yang, die gleich­zei­tig auch kom­ple­men­tär ist, beruht; prak­tisch, weil sie über­all gilt und über­all anwend­bar ist.

Die Ord­nung des Uni­ver­sums ist auf allen Gebie­ten anwend­bar. Hier ten­diert der Weg des mensch­li­chen Erkennt­nis­ver­mö­gen in eine ande­re Rich­tung als in den west­li­chen Wis­sen­schaf­ten. Wäh­rend er dort vom Ein­zel­nen zum All­ge­mei­nen, um so zu einem Ver­ständ­nis des Gesam­ten zu gelan­gen, führt, sind in der Ord­nung des Uni­ver­sums die Geset­ze des Gesam­ten bereits bekannt und wer­den benutzt, um das Spe­zi­el­le zu ver­ste­hen.

Geor­ges Ohsa­was Ord­nung des Uni­ver­sums ermög­licht west­lich gepräg­ten Men­schen einen Zugang zum klas­si­schen chi­ne­si­schen Den­ken und des­sen Welt­ver­ständ­nis, das ihnen in der Regel fremd ist. Des­halb kann die Behaup­tung, die Mus­ter, die die­sem Univer­sum zugrun­de lie­gen, vor­schnell als ver­mes­sen abge­tan wer­den. Nichts ist hier zu glau­ben, doch die Über­zeu­gung, dass es sich hier tat­säch­lich um kos­mi­sche Geset­ze han­delt, kann nur in einer inten­si­ven theo­re­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung und einer prak­ti­schen Umset­zung ent­ste­hen. Auch Theo­rie und Pra­xis bil­den eine Pola­ri­tät. Des­halb heißt es: „Theo­rie ohne Pra­xis ist unnütz, Pra­xis ohne Theo­rie ist gefähr­lich“. Nur durch Stu­di­um und Pra­xis kann der Ein­zel­ne zu einer unum­stöß­li­chen Gewiss­heit gelan­gen. Hier bie­ten die Schrif­ten von Edi­ti­on Zen­on die Mög­lich­keit zu einer inten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung, ob das west­li­che Welt­ver­ständ­nis oder die Ord­nung des Uni­ver­sums geeig­net sind, die heu­ti­ge Welt zu ver­ste­hen. Das Wei­te­re liegt bei Ihnen.

Mit Hil­fe der Geset­ze und Prin­zi­pi­en der Ord­nung des Uni­ver­sums kann der Mensch sich bewusst an ver­än­der­te Lebens­be­din­gun­gen anpas­sen, indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv, denn die­se Mus­ter ver­mit­teln ihm das nöti­ge Ver­ständ­nis, um Gegen­sät­ze prak­tisch aus­glei­chen zu kön­nen. Das ist heu­te und zukünf­tig von grund­le­gen­der Bedeu­tung. Doch das eigent­li­che Poten­ti­al die­ser fern­öst­li­chen Sicht geht weit dar­über hin­aus: Im Sin­ne des Baruch de Spi­no­za stellt die Ord­nung des Uni­ver­sums das grö­ße­re Gesetz dar und bie­tet die ein­zig­ar­ti­ge Mög­lich­keit, zu einer grö­ße­ren Ganz­heit­lich­keit und Voll­kom­men­heit zu gelan­gen.

Eine aus­führ­li­che Ein­füh­rung bie­tet die Schrift Ein ver­we­ge­nes Leben und sein zurei­chen­der Grund.

© edi­ti­on zen­on, Mai 2026


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