Das Yin und Yang der Evo­lu­ti­on

Aus fern­öst­li­cher Sicht erschafft der Urgrund mit Hil­fe von Yin und Yang unun­ter­bro­chen alle Phä­no­me­ne. Yin, das nach außen wir­ken­de zen­tri­fu­ga­le Prin­zip, und Yang, das nach innen gerich­te­te zen­tri­pe­ta­le Prin­zip, trei­ben im Wech­sel­spiel das evo­lu­tio­nä­re Gesche­hen an. Sie sind ant­ago­nis­tisch und zugleich kom­ple­men­tär. Die Akti­vi­tät von Yang zeigt sich im Zusam­men­zie­hen, in der Ver­dich­tung und Ver­klei­ne­rung, wäh­rend Yin sich in der Aus­deh­nung, Ver­grö­ße­rung und Ver­dün­nung zeigt. Hin­sicht­lich der Lage ist Yin mehr außen, Yang mehr im Inne­ren, hin­sicht­lich der Tem­pe­ra­tur ist Yin käl­ter und Yang wär­mer; hin­sicht­lich der Bewe­gung ist Yin lang­sa­mer und weni­ger aktiv, wäh­rend Yang schnel­ler und mehr aktiv ist usw.. Die­se Auf­zäh­lung lässt sich noch lan­ge fort­set­zen, doch kön­nen auch das Yin und Yang der Evo­lu­ti­on genau­er bestimmt wer­den? Oder ist das nicht mög­lich? An die­ser Stel­le hilft die von Arthur Koest­ler ent­wi­ckel­te Holon-Theo­rie wei­ter.[1] 

Der öster­rei­chisch-eng­li­sche Schrift­stel­ler Arthur Koest­ler sah in der Evo­lu­ti­on kein zufäl­li­ges, blin­des Wir­ken. Mit der Holon-Theo­rie for­mu­lier­te er die Auf­fas­sung von dem gegen­sätz­li­chen und kom­ple­men­tä­ren Wir­ken der selbst­be­haup­ten­den und der inte­gra­ti­ven Ten­denz. Auf ihn gehen gro­ße Tei­le die­ser Erör­te­rung zurück. 

Wie Arthur Koest­ler fest­stell­te, wei­sen alle kom­ple­xen Struk­tu­ren und eini­ger­ma­ßen sta­bi­le Vor­gän­ge eine hier­ar­chi­sche Ord­nung auf. Dies gilt unab­hän­gig davon, ob es sich um Gala­xien, beleb­te Orga­nis­men und ihre Akti­vi­tä­ten, sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen oder Ver­hal­tens­wei­sen han­delt. So haben bei­spiels­wei­se Zel­len, Mus­keln, Ner­ven und Orga­ne ihre spe­zi­fi­schen Akti­vi­täts­rhyth­men und ‑mus­ter, die oft spon­tan, also ohne äuße­re Sti­mu­lie­rung funk­tio­nie­ren; sie sind den höhe­ren Zen­tren der Hier­ar­chie als Tei­le unter­ge­ord­net, arbei­ten aber gleich­zei­tig als qua­si auto­no­me Ganz­hei­ten. Die Mit­glie­der einer hier­ar­chi­schen Ord­nung, auf wel­cher Stu­fe sie auch ste­hen, sind eine Sub-Ganz­heit, eine sta­bi­le, inte­grier­te Struk­tur mit selbst­re­gu­lie­ren­den Mecha­nis­men, die ein beträcht­li­ches Maß an Auto­no­mie oder Selbst­be­stim­mung genie­ßen. Sie sind janus­köp­fig: Das nach oben, den höhe­ren Stu­fen zuge­wand­te Gesicht ist das eines abhän­gi­gen Teils; das nach unten, zu sei­nen eige­nen Bestand­tei­len gewand­te Gesicht ist das eines bemer­kens­wert sou­ve­rä­nen Gan­zen.

Arthur Koest­ler schlug zur Bezeich­nung die­ser Sub-Ganz­heit den Begriff Holon vor. Ein Holon bezeich­net also jene janus­köp­fi­ge Erschei­nung auf den ein­zel­nen Stu­fen jeder Hier­ar­chie, die sich sowohl als Ganz­heit als auch als Teil beschrei­ben lässt, je nach­dem ob sie von „oben“ oder von „unten“ betrach­tet wird. Für Arthur Koest­ler woh­nen jedem Holon zwei kon­trä­re Ten­den­zen oder Poten­tia­le inne: die inte­gra­ti­ve Ten­denz, um als Teil des über­ge­ord­ne­ten Gan­zen zu funk­tio­nie­ren und die selbst­be­haup­ten­de Ten­denz, um sei­ne indi­vi­du­el­le Auto­no­mie zu wah­ren. Die selbst­be­haup­ten­de Ten­denz ist der dyna­mi­sche Aus­druck der Ganz­heit des Holons, wäh­rend die inte­gra­ti­ve oder sebst­tran­szen­die­ren­de Ten­denz der dyna­mi­sche Aus­druck sei­ner Teil­heit ist.

Wie Arthur Koest­ler wei­ter fest­stellt, ist die selbst­be­haup­ten­de Ten­denz im all­ge­mei­nen inso­fern kon­ser­va­tiv, als sie dazu neigt, die Indi­vi­dua­li­tät des Holons im Hier und Jetzt der herr­schen­den Bedin­gun­gen zu bewah­ren, wäh­rend die inte­gra­ti­ve Ten­denz die gegen­sätz­li­che Funk­ti­on hat, die kon­sti­tu­ie­ren­den Holons in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on zu hal­ten und neue Stu­fen viel­schich­ti­ger Inte­gra­tio­nen bei der Ent­wick­lung von Hier­ar­chien zu bil­den. Die­se Hier­ar­chien kön­nen bio­lo­gi­scher, sozia­ler oder kogni­ti­ver Art sein.

Aus der Sicht der Ord­nung des Uni­ver­sums ist Arthur Koest­lers Ansatz inter­es­sant. In der Janus­köp­fig­keit eines Holons drückt sich die dia­lek­ti­sche Beschaf­fen­heit des Uni­ver­sums aus. Bei­de Sei­ten, Teil und Gan­zes, sind gegen­sätz­lich, doch ergän­zen sie sich auch und bil­den zusam­men eine Pola­ri­tät. Auch die Akti­vi­tä­ten von Teil und Gan­zem, die selbst­be­haup­ten­de wie die inte­gra­ti­ve Ten­denz eines Holons, bil­den eine Pola­ri­tät, denn sie wir­ken gegen­sätz­lich, doch gleich­zei­tig ergän­zen sie sich. Das gilt für alle Hier­ar­chien und für alle Phä­no­me­ne, die zugleich Teil als auch Gan­zes sind. Doch wel­che sind es nicht?

Es ist das Yin der inte­gra­ti­ven Ten­denz, das in der Wech­sel­wir­kung mit dem Yang der selbst­be­haup­ten­den Ten­denz immer viel­schich­ti­ge­re und kom­ple­xe­re For­men bil­det. Bei­de sor­gen zusam­men dafür, dass sich sub­ato­ma­re Teil­chen zusam­men­tun und Ele­men­tar­teil­chen schaf­fen; deren Zusam­men­wir­ken ihrer­seits bil­den einen Atom­kern her­aus – und damit etwas Neu­es, das nicht mehr mit ihren Eigen­schaf­ten beschrie­ben wer­den kann. Das Yin der inte­gra­ti­ven Ten­denz steht für die Fähig­keit leben­der Orga­nis­men, auf­zu­bau­en statt abzu­bau­en und aus ein­fa­chen Ele­men­ten viel­schich­ti­ge­re Struk­tu­ren zu schaf­fen. Die­se äußert sich, wenn sich ein­fa­che Mole­kü­le zu Groß­mo­le­kü­len kom­bi­nie­ren; Groß­mo­le­kü­le ihrer­seits sich zu Orga­nel­len (wie Zell­ker­nen, Ribo­so­men, Mem­bra­nen usw.) ver­ei­nen und deren Zusam­men­tun eine Zel­le mit ihren inne­ren Regu­lie­rungs­me­cha­nis­men ent­ste­hen lässt. Auch die Zel­len tun sich zusam­men und schaf­fen dabei ‘höhe­re’ Orga­nis­men’ und immer kom­ple­xe­re Lebens­for­men, zu denen auch wir gehö­ren.

Die­se nicht zu unter­drü­cken­de Auf­bau­ten­denz äußert sich im Fort­schrei­ten der Evo­lu­ti­on, in der Ent­ste­hung neu­er Stu­fen der Kom­ple­xi­tät, in der Hier­ar­chie von Orga­nis­men, in der Ent­wick­lung neu­er Metho­den, in der funk­tio­na­len Koor­di­nie­rung, die zu mehr Unab­hän­gig­keit von der Umwelt und zur Beherr­schung der Umwelt füh­ren, schreibt Arthur Koest­ler.

Die inte­gra­ti­ve und die selbst­be­haup­ten­de Ten­denz kön­nen ab dem Augen­blick der Evo­lu­ti­on, wo Phä­no­me­ne janus­köp­fig sind, als das Ying und das Yang der Evo­lu­ti­on ver­stan­den wer­den. Unser Uni­ver­sum mit sei­ner Kom­ple­xi­tät und Dyna­mik zeigt, wie gran­di­os bei­de Ten­den­zen, deren dia­lek­ti­sches Zusam­men­spiel den unfass­ba­ren For­men­reich­tum um uns her­um her­vor­bringt, mit­ein­an­der wir­ken.

Auch der Mensch ist ein janus­för­mi­ges Wesen. Hier drückt sich die selbst­be­haup­ten­de Ten­denz in einem Behar­ren auf Auto­no­mie und den eige­nen Zie­len aus, wäh­rend die inte­gra­ti­ve Ten­denz sich in dem Ver­lan­gen äußert, einer­seits als Teil in einem grö­ße­ren Gan­zen zu funk­tio­nie­ren und ande­rer­seits, selbst­er­wei­ternd umfas­sen­de­re Struk­tu­ren zu schaf­fen. Die­se Selbst­er­wei­te­rung kann das Indi­vi­du­um bis zur Auf­ga­be sei­ner Ganz­heit und zur Ver­schmel­zung mit dem Objekt sei­ner Lie­be oder Hin­ga­be füh­ren. Wenn kein leben­di­ges Band zum EINEN vor­han­den ist und eine geschwäch­te Gesell­schaft ver­führ­bar gewor­den ist, kann sich die Selbst­tran­szen­denz zer­stö­re­risch aus­wir­ken wie bei­spiels­wei­se in Deutsch­land wäh­rend der Herr­schaft der Natio­nal­so­zia­lis­ten. Die hier lau­ern­de Gefahr wird bis heu­te nicht in sei­ner Tie­fe erkannt. Damit wur­den auch kei­ne gang­ba­ren Wege zu einem kon­struk­ti­ven Umgang mit die­ser Ten­denz gesucht.

Wir emp­feh­len an die­ser Stel­le wei­ter­füh­rend den Text Die Tücken der inte­gra­ti­ven Ten­denz.


[1] Arthur Koest­ler: Der Mensch — Irr­läu­fer der Evo­lu­ti­on. Scherz Ver­lag, 1978.

© edi­ti­on zen­on, Mai 2026


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