Wie Gegen­sät­ze zu ver­ste­hen sind

In der Auf­fas­sung, wie Gegen­sät­ze zu ver­ste­hen sind, unter­schei­det sich die Ord­nung des Uni­ver­sums grund­le­gend vom heu­ti­gen west­li­chen Den­ken. Der Wes­ten ver­steht Gegen­sät­ze aus­schließ­lich gegen­sätz­lich, ant­ago­nis­tisch, im Ent­we­der-oder-Modus: Ent­we­der ist etwas wahr oder falsch, ent­we­der etwas ist ein Teil­chen oder eine Wel­le. Etwas Drit­tes gibt es nicht.

Wie die Quan­ten­phy­sik deut­lich gemacht hat, zer­bricht im sub­ato­ma­ren Bereich eine auf dem aus­schlie­ßen­den Gegen­satz von wahr und falsch beru­hen­de Erkennt­nis: Der Teil­chen-Wel­len-Cha­rak­ter der sub­ato­ma­ren Teil­chen, die Ver­schrän­kung oder die Rol­le des Beob­ach­ters machen deut­lich, dass Gegen­sät­ze nicht nur gegen­sätz­lich sind, son­dern sich auch ergän­zen und des­halb im Modus des Sowohl-als-auch zu ver­ste­hen sind – ent­spre­chend dem Welt­ver­ständ­nis des Fer­nen Ostens oder ihrer zeit­ge­mä­ßen Aus­for­mu­lie­rung, der Ord­nung des Uni­ver­sums. Hier sind Gegen­sät­ze nicht nur ant­ago­nis­tisch, son­dern auch kom­ple­men­tär. Sie ergän­zen sich und bil­den eine nicht­auf­lös­ba­re Ganz­heit, Pola­ri­tät genannt. Nichts steht für sich allein, alles hat eine Ergän­zung. Aus die­ser Sicht besteht die Welt aus Pola­ri­tä­ten.

Doch nicht nur im mikro­sko­pi­schen Bereich, son­dern auch auf der makro­sko­pi­schen Ebe­ne unse­res All­tags erweist sich das west­li­che Den­ken als unzu­rei­chend und ver­lei­tet in kom­ple­xen und dyna­mi­schen Situa­tio­nen sys­te­ma­tisch zu Fehl­ur­tei­len. Unse­re Pro­jek­te und Rech­nun­gen schei­tern immer wie­der, weil wir Struk­tu­ren nicht sehen oder ver­ste­hen, die dem Uni­ver­sum zugrun­de lie­gen. Dazu gehört die Pola­ri­tät von Gegen­sät­zen. Wie Gegen­sät­ze zu ver­ste­hen sind, ist nicht allein ein aka­de­mi­sches Pro­blem. Es hat schwer­wie­gen­de Kon­se­quen­zen, denn es ist ent­schei­dend für unser Ver­ständ­nis der Welt – und auch für den Zustand der Welt, in der wir leben.


1. Die Ratio­na­li­täts­fal­len

Die­se Fal­len kön­nen auf­tau­chen, wenn die heu­te welt­weit vor­herrschende Geis­tes­hal­tung, die soge­nann­te ego­zen­trier­te Rational­ität, auf die bio­logischen und sozia­len Lebens­grund­la­gen der Mensch­heit ein­wirkt. Die ego­zen­trier­te Ratio­na­li­tät strebt ein Mög­lichst viel für mich an, ohne mit­tel- oder lang­fris­ti­ge Fol­gen oder die Belan­ge Ande­rer mit zu beden­ken. Die­se Geis­tes­hal­tung pola­ri­siert, ver­lei­tet zum Plün­dern, dem Aus­beu­ten von Res­sour­cen und führt zu einem aus­ge­präg­ten Kon­kurrenzdenken. Das ego­zen­triert ratio­na­lis­ti­sche Den­ken ist ein­sei­tig und erfasst kom­plexe und dyna­mi­sche Situa­tio­nen häu­fig nur unzu­rei­chend, da der Bezug auf sich selbst und sei­ne Inter­es­sen im Ent­we­der-oder-Modus bei viel­schich­ti­gen Zusammen­hängen zum Ver­ständ­nis der Situa­ti­on nicht hin­reicht.

Wenn ein star­kes Maß an ego­zen­trier­ter Ratio­na­li­tät auf die mate­ri­el­len und ideel­len Gemein­schafts­gü­ter der Mensch­heit ein­wirkt, dann  ver­fängt sich die­se Geis­tes­hal­tung in veri­ta­blen Denk­fal­len. Die­se soge­nann­ten Rationali­tätsfallen, wie bei­spiels­wei­se das Nutzungs‑, Bei­trags- und Gefan­ge­nen­di­lem­ma, füh­ren dazu, dass sich für das Indi­vi­du­um eben nicht die ange­streb­ten gro­ßen individuel­len Vor­tei­le erge­ben – statt­des­sen scha­det es häu­fig sich selbst und kol­lektiven Belan­gen. Die­se Fal­len äußern sich heu­te kon­kret in zer­split­ter­ten, frag­men­tier­ten Gesell­schaf­ten, in erschöpf­ten Fisch­grün­den und degra­dier­ten Böden, ver­stärk­tem Miss­trauen und Kon­kur­renz­ver­hal­ten, unzäh­li­gen Finanz­kri­sen und der Unfä­hig­keit, dring­liche Pro­ble­me nach­hal­tig zu lösen (zum Bei­spiel im Kli­ma­schutz).

Die­ses Kip­pen von Vor­teil­haf­tem in Nach­tei­li­ges wird im Rah­men des west­li­chen Den­kens als wider­sprüch­lich ver­stan­den, wäh­rend fern­öst­li­ches Den­ken hier nichts ande­res sehen kann als das Wir­ken des all­ge­gen­wär­ti­gen Wan­dels. Da im Rah­men des klas­si­schen chi­ne­si­schen Welt­ver­ständ­nis­ses oder aus der Sicht der Ord­nung des Univer­sums Gegen­sät­ze im Modus des Sowohl-als-auch ver­stan­den wer­den, wer­den hier die Gedan­ken auf eine Art gebün­delt, die ein natür­li­ches Kor­rek­tiv bei der Bestim­mung des größt­mög­li­chen Vor­teils ent­hält. Den Beurteilen­den steht unmit­tel­bar vor Augen, dass die sich aus dem ergän­zen­den Cha­rak­ter der Ge­gensätze erge­be­nen Rück­kop­pe­lun­gen sie selbst betref­fen wer­den. Dies gilt eben­so für die mit einem mög­li­chen Vor­teil ver­bun­de­nen Nach­tei­le wie für die sich aus den Polari­täten von Du und Ich, Ein­zel­nem und Kol­lek­tiv erge­ben­den Wir­kun­gen. So sind sie ge­zwungen, die Situa­ti­on mit ihren maß­ge­ben­den Grö­ßen und deren Zusam­men­hän­ge näher zu betrach­ten. Dabei wer­den sie sich der Fol­gen ihres Han­delns bewusst. (Eine aus­führ­li­che Dar­stel­lung die­ses The­ma ist in der Schrift der blau­en Rei­he Töd­li­che Fal­len auf den kapi­ta­lis­tisch gepräg­ten Wegen zu fin­den.)


2. Das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt

Aus fern­öst­li­cher Sicht ist Fort­schritt nicht ohne Rück­schritt zu haben, denn sie bil­den eine Pola­ri­tät. Zudem bewir­ken gro­ße Fort­schrit­te eben­so gro­ße Rück­schritte, so dass dy­namisch eine Balan­ce gehal­ten wird. Dies betrifft ohne Aus­nah­me alle Pro­jekte auf der mate­ri­el­len Ebe­ne. Das ist das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt. Es bedeu­tet, dass jedes Groß­pro­jekt zur Bewäl­ti­gung der heu­tigen Schwie­rig­kei­ten wie die künst­li­che In­telligenz, der Trans­hu­ma­nis­mus, die E‑Mo­bilität oder die Was­ser­stoff-Tech­nik eine eben­so gro­ße Rück­seite hat. Sie wer­den alle anvi­sier­ten Vor­tei­le rela­ti­vie­ren und unse­re schon heik­le Lage aus­nahms­los wei­ter ver­schlech­tern.

Die Spreng­kraft der mit dem Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt ver­bun­de­nen Bedro­hung wird im Wes­ten nicht erfasst. Er sieht nur den gegen­sätzlichen Aspekt von Fort­schritt und Rück­schritt und über­sieht, dass bei­de struk­tu­rell eine nicht-auf­lös­ba­re Ein­heit bil­den. Nur so kann bis heu­te immer wie­der gefor­dert wer­den, dem mate­ri­el­len Fort­schritt neue Impul­se zu ver­lei­hen. Und selbst wenn er die­se Gefähr­lich­keit erfas­sen wür­de, könn­te er den­noch kei­nen Aus­weg sehen. Der Wes­ten ist geis­tig und spi­ri­tu­ell in einer Sack­gas­se gelan­det, aus der es im Rah­men sei­nes bestehen­den Den­kens kei­nen Aus­weg gibt.

Aus der Sicht der Ord­nung des Uni­ver­sums lau­tet die Ant­wort: geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung. (Eine aus­führ­li­che Dar­stel­lung die­ses The­ma ist in der Schrift der blau­en Rei­he Geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung  aus  geschicht­li­cher Not­wen­dig­keit zu fin­den.)


3. Noch­mals das mensch­li­che Mit­ein­an­der

Die aris­to­te­li­sche Logik, die Gegen­sät­ze im Ent­we­­der-oder-Modus sieht, ver­lei­tet in der heu­ti­gen ego­is­tisch gepräg­ten Welt zu einem star­ken Kon­kur­renz­den­ken und zu unpro­vo­zier­ten Über­grif­fen nach dem Mot­to: „Ent­we­der er oder ich. Ent­we­der sei­ne Inter­es­sen oder mei­ne. Ent­we­der ich set­ze mich durch oder der ande­re.“ In dem kom­ple­xen und dyna­mi­schen Rah­men gegen­sei­ti­ger Abhän­gig­keit beim all­täg­li­chen Mit­ein­an­der ist das Schä­di­gen ande­rer nur ein um­ständlicher Weg, sich selbst zu schä­di­gen: In den Span­nungs­fel­dern von Gewinn und Ver­lust, Vor­teil und Nach­teil, Indi­vi­du­um und Grup­pe kommt es, wenn auch nicht un­bedingt unmit­tel­bar und zeit­gleich, doch zwangs­läu­fig zu unver­meid­ba­ren und meist unvor­her­ge­se­he­nen Rück­kop­pe­lun­gen. 

Wenn hin­ge­gen Gegen­sät­ze als Pola­ri­tä­ten be­griffen wer­den, gilt das Sowohl-als-auch. Solan­ge die eige­nen Inter­es­sen respek­tiert wer­den, wird ein Inter­es­sen­aus­gleich ange­strebt, denn das Sowohl-als-auch bedeu­tet hier: „Sowohl die Gegen­sei­te als auch ich. Sowohl ihre Inter­es­sen als auch mei­ne. Somit suche ich mit jedem der Gegen­über einen Inter­es­sens­aus­gleich bei gleich­zei­ti­ger Wah­rung mei­ner Inter­es­sen.“


Die enor­men Pro­ble­me unse­rer Zeit, zu denen die Zer­set­zung und Zer­stö­rung der bio­logischen und gesell­schaft­li­chen Lebens­grund­la­gen der Mensch­heit gehö­ren, haben also eine Ent­spre­chung in unse­ren Vor­stel­lun­gen, Ein­stel­lun­gen und Denk­mus­tern. Wie Gegen­sät­ze zu ver­ste­hen sind, ist ent­schei­dend dafür, wie wir die Welt ver­ste­hen und wie sie aus­sieht. (Eine aus­führ­li­che Erör­terung die­ses The­mas ist in dem Kapi­tel Wel­che Art des Welt­ver­ständ­nis­ses? der Schrift zur christ­lich-abend­län­di­schen Zivi­li­sa­ti­on zu fin­den.)

© edi­ti­on zen­on, im Mai 2026


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