Seit Jahrhunderten ist in der westlichen Welt das Band zwischen dem Menschen und dem Urgrund, der Quelle aller Phänomene, gerissen. Da sich das Weltverständnis des Westens auf die materielle Welt beschränkt, kann es im Rahmen der heutigen abendländischen Vorstellungen nicht wieder errichtet werden. Zugleich hat sich die Verheißung, Wissenschaft und Fortschritt könnten uns auf der materiellen Ebene zum Glück führen, als Illusion erwiesen. Zwar hat sie die Menschheit über 250 Jahre lang nach vorn getrieben, doch sind wir, wie inzwischen deutlich sichtbar ist, im Materiellen dem endlosen Hin und Her von Fortschritt und Rückschritt ausgeliefert. So schreiten wir nur noch reaktiv vor uns hin.
Zudem hat die westliche Welt sich einem Denken anvertraut, das Gegensätze entsprechend der aristotelischen Logik allein antagonistisch versteht. Nach dieser Logik des Entweder oder stehen sich Gegensätze unvereinbar gegenüber: Eigenes und Fremdes, Arm und Reich, Freund und Feind werden absolut gesehen, die Kluft dazwischen ist unüberbrückbar. „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Bestenfalls mindert ein ethisches Verhalten diesen Graben, doch unterschwellig wirkt beharrlich der Entweder-oder-Modus. Wenn sich deshalb dem Stärkeren die Möglichkeit bietet, zu bestimmen, was Sache ist, wird er nicht zögern, seine Interessen durchzusetzen. So glimmen unter einer dünnen zivilisatorischen Schicht alle Arten gewalttätiger Konkurrenz wie ein Schwelbrand. In schweren Krisen zerreißt diese Schicht. Dann werden die irrationalen Schattenseiten der egozentrierten Rationalität sichtbar. Die eigenen Fehler, das eigene Unvermögen wird auf Fremdes und Fremde projiziert. Diese eruptiven Ausbrüche begleiten die Moderne von der Bartholomäusnacht bis heute. Sie haben zwei Weltkriege hervorgebracht, und, solange die Ursachen nicht behoben sind, wird es weitere geben. Im Rahmen der heutigen Weltordnung und des westlichen Weltverständnisses warten Tragödien unbekannten Ausmaßes auf uns. Was also?
Arthur Koestlers Sicht
Erhellend ist an dieser Stelle eine Überlegung, die der österreichisch-englische Schriftsteller Arthur Koestler in den späten 1970er Jahren anstellte.
Die irdische Zivilisation, schreibt er, sei großzügig geschätzt, etwa 10000 Jahre alt. Aus heutiger Sicht sei die Vorstellung von außerirdischen Zivilisationen, die einige Millionen Jahre älter sind als unsere, vollkommen unrealistisch. Mit einiger Berechtigung könne man jedoch annehmen, dass jede dieser Zivilisationen früher oder später die thermonuklearen Reaktionen entdecken, das heißt, „das Jahr Null ihres neuen Kalenders erreicht“ habe. An diesem Punkt trete die natürliche Selektion auf kosmischer Ebene auf den Plan, die „kranken Zivilisationen“ würden früher oder später zu ihren eigenen Scharfrichtern werden und von ihrem verseuchten Planeten verschwinden. Die Zivilisationen, die diesen und andere Tests der geistigen Gesundheit überlebten, würden sich zu einer kosmischen Elite von Halbgöttern entwickeln oder hätten es bereits getan. Dass „nur die ‘Guten’ unter diesen Zivilisationen überleben werden, während sich die ‘Bösen’ selbst vernichten werden“ ist für Arthur Koestler – und nicht nur für ihn – ein beruhigender Gedanke. Soweit seine Darlegung.
Arthur Koestler: Der Mensch – Irrläufer der Evolution. Scherz Verlag, 1978, S. 328–329.
Was kennzeichnet diese Halbgötter? Es erscheint plausibel, dass sie nach all den bestandenen Herausforderungen in Harmonie mit den kosmischen Gegebenheiten leben, gesund, frei und oft voller Freude. Sie werden die Muster, die diesem Universum zugrunde liegen, verstehen und in Einklang mit ihrer Umgebung, mit sich selbst und den anderen Wesen leben. Sie werden Gegensätze ausgleichen und ein Gleichgewicht in sich als auch mit den äußeren Bedingungen herstellen können. Sie werden über die Mittel verfügen, die ihnen gestatten, sich psycho-physisch an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Beim menschlichen Miteinander wird es ihnen gelingen, die unterschiedlichen Interessen auszugleichen wie auch die individuellen und kollektiven Belange beim sozialen Zusammenleben. Einander werden sie in einem Geist der Brüderlichkeit verbunden sein, fähig, gemeinsam oder allein, ihre Projekte zu realisieren. Als Halbgötter werden sie feste Wurzeln im Himmel und im Erdreich haben.
Die Sicht des friedlich-evolutionären Wegs
Diese Beschreibung ist sicher nicht vollständig, doch ist mit ihr ein Vorteil verbunden. Genau eine solche Entwicklung wird uns heute, wenn wir dem drohenden Zerfall entgehen wollen, aus geschichtlicher Notwendigkeit abverlangt. Diese Erkenntnis ist unmittelbar mit der westlichen Begründung des friedlich-evolutionären Wegs verbunden.
Aus dieser Sicht ist der friedlich-evolutionäre Weg eine Antwort auf die drei sogenannten Schlüsselfragen.1 Diese beschreiben drei grundlegende, anspruchsvolle und hochaktuelle Herausforderungen, die gelöst werden müssen, wenn wir den aktuellen Niedergang aufhalten und uns weiter entwickeln wollen.2 Die Antwort des friedlich-evolutionären Wegs darauf macht deutlich: Wenn wir überleben wollen, müssen wir eine Lebensform im Einklang mit dem Universum finden. Dazu ist ein entsprechendes Weltverständnis nötig, mit dem einerseits der allgegenwärtige Wandel erfasst und nachvollzogen werden kann und das es andererseits erlaubt, ein Leben in Harmonie mit den kosmischen Gegebenheiten bewusst anzustreben und zu leben.
An dieser Stelle ist nach unseren Erkenntnissen die Ordnung des Universums unverzichtbar. Darin gibt der Japaner Georges Ohsawa das klassische chinesische Verständnis des Universums in einer dem analytischen Denken des Westens entsprechenden Form, in explizit formulierten Prinzipien und Gesetzen, wieder.
Diese Sicht verbindet den Menschen mit dem EINEN, wie Georges Ohsawa den Urgrund nennt. Hier ist jedes Phänomen Ausdruck des Urgrunds; jeder Mensch hat in sich das Potential, hinter die Welt der mentalen Konstrukte zu gelangen, um ES in sich zu erkennen und darin heimisch zu werden. Das ist heute von grundlegender Bedeutung.3
Im Rahmen der Ordnung des Universums werden Gegensätze zudem nicht nur als gegensätzlich, sondern auch als komplementär verstanden. Sie bedingen einander, sind nur zusammen zu haben und bilden in ihrer Ergänzung zusammen ein nicht auftrennbares Ganzes. Mit Vorteilen sind auch Nachteile verbunden und umgekehrt. Das Eigene kann sich nur durch Fremdes verstehen; ihre Ergänzung birgt in sich die Möglichkeit zu einer Entwicklung hin zu einer größeren Ganzheitlichkeit. Gegensätze werden hier im Sowohl-als-auch-Modus verstanden. Sind deshalb Gegebenheiten zu beurteilen, wird der Gegenpol mitberücksichtigt, denn er wirkt auf den Ausgangspol zurück. Aus diesem Grund werden beim menschlichen Miteinander der andere und seine wohlbegründeten Interessen mit einbezogen, mit Vorteilen auch die dazugehörenden Nachteile betrachtet. Dieses Verständnis bezieht das Gegensätzliche mit ein, so dass Gegensätze dynamisch immer wieder neu ausgeglichen werden können. Dadurch wird einseitiges Verhalten wie das andauernde Trachten nach dem eigenen Vorteil, das früher oder später ins Nachteilige kippen wird, verhindert. Gleiches gilt für den Fortschritt, der sich zwangsläufig bei jedem einseitigen Vorgehen in einen Rückschritt umwandeln wird, früher oder später.
Der friedlich-evolutionäre Weg ist der Weg eines dynamischen Gleichgewichts. Er ist theoretisch fundiert, doch entfaltet er allein durch die praktische Umsetzung seine Wirkung. Sind auf einer ersten Stufe Rationalität und Analyse die Mittel zum Verständnis, so geht die Praxis über das Konzeptionelle hinaus, sei es beim menschlichen Miteinander, beim Verständnis der Welt, bei der Transformation der eigenen psycho-physischen Konstitution und auf der geistig-spirituellen Ebene.
Halbgötter und mehr
Diejenigen, die auf dem Weg dieser Entwicklung durch Verständnis und Praxis weit fortgeschritten sind, haben sich die Große Ordnung und die Muster, die diesem Universum zugrunde liegen, so weit angeeignet, dass sie intuitiv die Gegebenheiten erfassen und antizipierend darauf reagieren können. Hierbei bedeutet Intuition vollständig assimilierte Wissenschaftlichkeit, also Schauung. Sie erfassen hellsichtig „durch alle endlichen, vorübergehenden und trügerischen Erscheinungen hindurch“ die Gegebenheiten.4 Die ganze Schöpfung, sie selbst und alle Lebewesen sind für sie der Ausdruck des EINEN, ihr Verhältnis zueinander ist umgesetzte Brüderlichkeit. Diese Art des Seins lässt sie alles ohne Unterschied akzeptieren und liebend umfangen. In dem Maß, wie sie sich im Verlauf ihrer Praxis dem EINEN, wie Georges Ohsawa den Urgrund nennt, nähern und dann immer stärker in sich realisieren, wächst ihre innere Autonomie. Sie sind Halbgötter, ja, sogar mehr, wenn es ihnen schließlich gelingt, den Urgrund in der Schöpfung zu verkörpern. Doch bereits davor ist das lebendige Band zum Ursprung aller Phänomene wieder hergestellt.
- Eine kompakte Darstellung der Antwort des friedlich-evolutionären Wegs ist in der Schrift Der friedlich-evolutionäre Weg, S.75f zu finden. ↩︎
- Die zu den drei Schlüsselfragen führende Analyse ist umfassend in dem Buch Empört Euch nicht länger. Lebt friedlich-evolutionär!, S.11–37 zu finden. Sie ist auch das Thema der Schrift Tödliche Fallen auf den kapitalistisch geprägten Wegen. ↩︎
- Zur Vertiefung siehe die Schrift Der friedlich-evolutionäre Weg, S. 83–89. ↩︎
- Siehe hierzu den Abschnitt „Sein Leben eigenverantwortlich gestalten“ in der Schrift Ein verwegenes Leben und sein zureichender Grund. ↩︎
