1. Die drei Ebenen des Austauschprozesses
Bei unseren alltäglichen Begegnungen geht es immer wieder um das Gewähren oder Verweigern von Diensten und Gefälligkeiten. Dieses ununterbrochene Geben und Nehmen bindet uns alle ein in ein Netz gegenseitiger Abhängigkeiten. Seine Muster prägen die jeweilige Gesellschaft. Hier geht es für den Einzelnen darum, die erwünschen Dienste oder Gefälligkeiten zu gewähren oder zu verweigern.
Auf einer tieferen Ebene geht es um Werte und Regeln. Sind Werte wie Verlässlichkeit oder Ehrlichkeit und Regeln wie „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ allgemein gültig, gereicht dies allen Beteiligten zum Vorteil: Ihre Gültigkeit vermittelt Sicherheit, baut Vertrauen auf und begünstigt eine längerfristige Planung. Angesichts dieser Werte und Regeln stehen wir immer wieder vor der Wahl, sie zu respektieren oder zu missachten. Dies trifft auch für solche Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu, die durch Gesetze oder Verordnungen normativ festgelegt sind.
Auf einer subtileren Ebene geht es bei den zwischenmenschlichen Begegnungen um Würde und Integrität. Indem wir den anderen und seine wohlfundierten Interessen achten und respektieren, erkennen wir diese unveräußerlichen Güter an. Doch sind diese Werte fragil, denn der Einzelne kann sich subjektiv durch ein Verhalten verletzt fühlen, selbst wenn die Gegenseite dies nicht beabsichtigte. Auch hier stehen wir konkret vor der Wahl, die Würde und Integrität des anderen zu respektieren oder zu missachten.
Auf diesen drei Ebenen spielt sich der gesellschaftliche Austauschprozess, das Gewebe einer jeden Gesellschaft, ab.
2. Ausgeprägte Muster der Selbstausweitung
Ein Blick auf unser heutiges Leben und die Welt zeigt, dass für die meisten von uns die Durchsetzung des eigenen Ichs, manchmal eher subtil, manchmal auch auf gröbere Weise, einen großen Stellenwert besitzt. Die so entstehenden Konflikte können in ihrer überwältigenden Mehrzahl nicht durch Gesetze oder Vorschriften gelöst werden. Ihre Regelung ist jedoch im Interesse des Einzelnen und für das Gedeihen der jeweiligen Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft von wesentlicher Bedeutung. Werden diese Konflikte nicht gelöst, verlieren die Einzelnen das Vertrauen zueinander und in das kollektive Gefüge. Der soziale Zusammenhang wird geschwächt; kurz: es beginnt ein schleichender Prozess der Zersetzung der jeweiligen Gruppe und ihrer Werte.
Unterstützt und gefördert wird diese Selbstausweitung durch die sogenannte egozentrierte Rationalität. Diese Geisteshaltung, die einen Akteur – sei es eine Person, eine Gruppe, ein Unternehmen oder ein Staat – veranlasst, in einer gegebenen Situation einen möglichst großen Vorteil für sich anzustreben, ohne dabei mittelfristige oder langfristige Folgen oder die Interessen anderer zu berücksichtigen, dominiert heute weltweit. Die damit verbundene Art der Selbstausweitung zeigt sich weltweit in starken gesellschaftlichen Zersetzungs- und Zerfallserscheinungen und einer enormen Polarisierung.
Aus diesem Grund werden individuelle Freiheit und ein hohes Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt als unvereinbare Gegensätze angesehen. Dem Zersetzungsprozess wird dadurch begegnet, dass die Rechte des Individuums schrittweise eingeschränkt, unterhöhlt und schließlich ganz in Frage gestellt werden. Dadurch wird jedoch die eigentliche Ursache, also die geistige Einstellung, nicht berührt. Diese Aufgabe übersteigt die Möglichkeiten einer Zentralgewalt. Auf diesem Weg können die wirkenden Widersprüche nicht beseitigt und aufgelöst werden, auch wenn wesentliche Teile der Menschenrechte aufgegeben werden.1
Andere Lösungen scheinen nicht in Sicht, obwohl es der Menschheit in ihrer Geschichte durchaus gelungen ist, Individualität und ein hohes Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt miteinander zu verbinden.
3. Die Bedeutung eines funktionierenden Systems der Selbststeuerung
In den sogenannten primitiven Gesellschaften und in den vorindustriellen Agrargesellschaften wurden Konflikte im Rahmen der Selbststeuerung gelöst. Eine Selbststeuerung als öffentlicher und rechtlicher Mechanismus, auch regulierte Anarchie genannt, war in der Regel der Steuerungsmechanismus primitiver Gesellschaften und auch ein wichtiges Regelsystem in den vorindustriellen Agrargesellschaften. Dabei bringt das in einer funktionierenden Selbststeuerung enthaltene Sanktionspotenzial den Einzelnen, wenn sie Regeln missachten oder ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, in eine unhaltbare Lage: Sie verlieren ihren guten Ruf, ihr Prestige und sehen sich einer Reihe von Schwierigkeiten gegenüber. So wird bei der individuellen Interessenabwägung das Einhalten von Verpflichtungen und Regeln zur individuell vorteilhafteren Strategie. Selbststeuerungsmechanismen sind ein Ausdruck des inneren Zusammenhalts einer Gesellschaft.
Die modernen Gesellschaften, deren Mitglieder frei, eigenverantwortlich und gleichwertig sind, verfügen heute über kein funktionierendes System der Selbststeuerung. Die ausgeprägten egozentriert rationalistischen Tendenzen innerhalb dieser Gesellschaften stehen der Bildung eines Systems der Selbststeuerung entgegen. Da auch die Zentralgewalt der Flut ungeahndeter Übergriffe nicht Herr werden kann – sie ist selbst starken egozentriert rationalistischen Einflussnahmen ausgesetzt – können die Widersprüche nicht beseitigt werden.
Diese tiefliegende, seit langem schwelende Krise ist heute unübersehbar. Ist also die Moderne angesichts der Natur des Menschen nur ein kurzer Irrweg? Ist ein Rückfall in Zeiten der Barbarei sicher, weil die heutigen Probleme in der derzeitigen politischen Verfasstheit unlösbar sind? Oder gibt es Lösungen, die deshalb nicht gesehen werden, weil ein kollektiv falsches Bewusstsein wie beispielsweise die Reduktion von Rationalität auf egozentrierte Rationalität schlechthin oder die einseitige Fixierung auf eine Zentralgewalt uns in die Irre führt? 2
Die Beantwortung dieser Fragen ist für die Menschheit heute von existenzieller Bedeutung. Allein ein Handeln auf der Basis eines klaren Verständnisses unserer Situation kann verhindern, dass sich die enormen Probleme, vor denen heute die Menschheit steht, nicht verschärfen werden. Dies setzt ein präzises Verständnis des gesellschaftlichen Austauschprozesses und der dabei geltenden Zusammenhänge voraus. Darüber haben wir genau besehen kein sicheres Wissen, obwohl der gesellschaftliche Austauschprozess das Gewebe einer jeden Gesellschaft ist wie auch der inzwischen zusammengewachsenen Welt.
Hier setzt unsere Arbeit an.3
