Das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt

Die Mensch­heit befin­det sich in vie­ler­lei Hin­sicht in einer Sack­gas­se, doch kei­ne scheint neben jener, in der sich die Ratio­na­li­täts­fal­len äußern, so gra­vie­rend zu sein wie das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt.

Nach über 250 Jah­ren der Ver­hei­ßung eines unbe­grenz­ten Fort­schritts zei­gen über­stra­pa­zier­te bio­lo­gi­sche Res­sourcen, Dege­ne­ra­ti­ons­er­schei­nun­gen und zer­split­ter­te Gesell­schaf­ten unüber­seh­bar Kehr­sei­ten des Fort­schritts auf. Das gro­ße geschicht­li­che Vor­ha­ben, Glück durch Fort­schritt und immer grö­ße­ren Wohl­stand zu erlan­gen, ist geschei­tert. Doch bis heu­te steht eine Auf­ar­bei­tung an, die Klä­rung der Fra­ge, ob unglück­li­che Umstän­de ein ansons­ten her­vor­ra­gen­des Pro­jekt von sei­ner Bahn abbrach­ten oder zwangs­läu­fig Fort­schritt zu Rück­schritt führt und even­tu­ell kos­mi­sche Gesetz­mä­ßig­kei­ten nicht be­achtet wur­den.

Aus klas­si­scher chi­ne­si­scher Sicht ist die Situa­ti­on ein­deu­tig. Fort­schritt ist nicht ohne Rück­schritt zu haben und Rück­schritt nicht ohne Fort­schritt. Zudem sind mit gro­ßen Fort­schrit­ten auch gro­ße Rück­schrit­te ver­bun­den. Das ist das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt, das auf der mate­ri­el­len Ebe­ne nicht auf­lös­bar ist. Wenn die Mensch­heit die heu­ti­gen und zukünf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen erfolg­reich bewäl­ti­gen will, muss sie aus fern­öst­li­cher Sicht die ver­ti­ka­le Dimen­si­on ein­be­zie­hen. Die Ant­wort auf das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt ist aus der Sicht der Ord­nung des Uni­ver­sums eine auf den Urgrund, das EINE, gerich­te­te geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung, eine Ent­wick­lung, die über die Sphä­re der Dog­men, Wor­te und des gedach­ten Got­tes hin­aus­geht. Sie führt zu den äußers­ten Erfah­run­gen, die dem Men­schen mög­lich sind, zu dem uner­gründ­li­chen, feins­ten Bewusst­sein.

Der Wes­ten hat kei­ne Ant­wort auf das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt. Er erfasst nicht ein­mal die Gefähr­lich­keit der mit ihr ver­bun­de­nen Bedro­hung. Er ist geis­tig und spi­ri­tu­ell in einer Sack­gas­se gelan­det, aus der es im Rah­men sei­nes heu­ti­gen Den­kens kei­nen Aus­weg gibt.

Genau­er: Die abend­län­di­sche Welt ver­steht Gegen­sät­ze rein gegen­sätz­lich. Hier wird nur der gegen­sätz­li­che Aspekt von Fort­schritt und Rück­schritt gese­hen, nicht aber ihr kom­ple­men­tä­rer Cha­rak­ter. Nur aus die­sem Grund kön­nen Fort­schritts­gläu­bi­ge immer wie­der for­dern, „dem Fort­schritt einen neu­en Sinn zu ver­mit­teln“ – auf der mate­ri­el­len Ebe­ne wohl­ge­merkt. Ihre Hal­tung legt die Autorin Mari­an­ne Gro­ne­mey­er fol­gen­der­ma­ßen dar:

Unter dem Impe­ra­tiv der Inno­va­ti­on wer­den Gegen­warts­kri­sen nie­mals aus began­ge­nen Irr­tü­mern oder Fehl­ent­schei­dun­gen erklärt. Kri­sen sind in die­ser Les­art immer und aus­schließlich Resul­tat eines Novi­täts­man­kos. Wer in der Kri­se steckt, ist nicht modern ge­nug. Punk­tum. Für die Inno­va­to­ren liegt die Ret­tung in der Zukunft des Nie-Dage­we­se­­nen. Jede Besin­nung, jedes Inne­hal­ten, jedes Zögern ist damit ver­lo­re­ne Zeit, gera­de­zu Sabo­ta­ge gegen die vor­wärts wei­sen­den Ret­tungs­be­mü­hun­gen.

Mari­an­ne Gro­ne­mey­er: Immer wie­der neu oder ewig das Glei­che. Pri­mus Ver­lag, Darm­stadt, 2000.

Die­se Argu­men­ta­ti­ons­wei­se erlaubt es am Pro­jekt des mate­ri­el­len Fort­schritts fest­zu­hal­ten, gleich wie unse­re his­to­ri­sche Bilanz von Fort­schritt und den mit ihnen ver­bun­de­nen Rück­schrit­ten auch aus­fal­len mag. Fort­schritts­gläu­bi­ge wer­den wei­ter­hin dar­auf hin­wei­sen, dass Kri­sen nicht aus began­ge­nen Irr­tü­mern oder Fehl­ent­schei­dun­gen zu erklä­ren sind, son­dern nur ein wei­te­rer Beweis dafür sind, dass die rich­ti­gen Inno­va­tio­nen noch nicht ent­wi­ckelt wur­den. Auf die­se Wei­se sichern die Mäch­ti­gen argu­men­ta­tiv ihre Geschäfts­be­rei­che ab. 

Der Wes­ten ist unfä­hig, die Trag­wei­te die­ser Bedro­hung zu ver­ste­hen. Der Ent­we­der-oder-Modus der Gegen­sät­ze in der aris­to­te­li­schen Logik ver­deckt die Sicht auf den gleich­zei­tig exis­tie­ren­den Gegen­pol, so dass die­ses Dilem­ma wie ein Schwel­brand unter­schwel­lig wei­ter­wir­ken kann. Der Wes­ten kann kei­ne Lösung, kein in die Zukunft wei­sen­des Pro­jekt anbie­ten, das auf das Dilem­ma von Fort- und Rück­schritt ant­wor­tet. Sei­ne Wis­sen­schaf­ten bezie­hen das EINE nicht mit ein, der Erkennt­nis­ho­ri­zont bleibt auf die end­li­che Welt beschränkt. Das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt ist im Rah­men des auf der aris­to­te­li­schen Logik beru­hen­den, west­li­chen Den­kens nicht auf­lös­bar. Des­halb steht eine west­lich gepräg­te Mensch­heit hin­sicht­lich ihrer Pro­jek­te vor einem unlös­ba­ren Pro­blem und einer aus­weg­lo­sen Situa­ti­on: Immer muss damit gerech­net wer­den, dass die etwa­igen Vor­ha­ben unbe­dach­te Rück­kop­pe­lun­gen erzeu­gen. Die Fol­gen betref­fen die gesam­te Mensch­heit. Die Situa­ti­on könn­te nicht gra­vie­ren­der sein.

Eini­ge Zita­te als Ergän­zung des Gesag­ten.

Der deut­sche Dich­ter und Her­aus­ge­ber Hans Magnus Enzens­ber­ger:

Unun­ter­scheid­bar

der Fort­schritt des Schwin­dels vom Schwin­del des Fort­schritts. 

Hans Magnus Enzens­ber­ger: Mau­so­le­um. Suhr­kamp Ver­lag, 1976, S.71.

Der eng­li­sche Poli­ti­ker Tony Blair, von 1997 bis 2007 Pre­mier­mi­nis­ter des Ver­ei­nig­ten König­reichs:

Kein Land ist bereit, sein Wachs­tum und den Kon­sum im Lich­te eines lang­fris­ti­gen Umwelt­pro­blems zu beschnei­den.

Ent­nom­men: Kann das noch Zufall sein. Spie­gel, 40, 2005, Sei­te 182.

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger­recht­ler Mar­tin Luther King, einer der her­aus­ra­gends­ten Ver­tre­ter im gewalt­frei­en Kampf gegen Unter­drü­ckung und sozia­le Unge­rech­tig­keit:

Die Geschich­te hat auf lan­ge und tra­gi­sche Wei­se bewie­sen, dass Pri­vi­le­gier­te ihre Pri­vi­le­gi­en sel­ten frei­wil­lig auf­ge­ben.

Mar­tin Luther King: Brief aus dem Gefäng­nis von Bir­ming­ham.

Der US-Groß­in­ves­tor War­ren Buf­fet, einer der erfolg­reichs­ten Inves­to­ren welt­weit:

Es herrscht Klas­sen­krieg, rich­tig, aber es ist mei­ne Klas­se, die Klas­se der Rei­chen, die Krieg führt, und wir gewin­nen.

War­ren Buf­fet im Inter­view mit Ben Stein. In: New York Times, 26. Novem­ber 2006

Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­soph Tho­mas Met­scher:

Zum kon­sti­tu­tio­nel­len Irra­tio­na­lis­mus der gegen­wär­ti­gen impe­ria­lis­ti­schen Gesell­schaft gehört, dass die­se weder zu fun­dier­ter Selbst­er­kennt­nis – einer umfas­sen­den Theo­rie ihrer selbst – noch zu einem die Gesamt­ge­sell­schaft betref­fen­den öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Han­deln mehr in der Lage ist. Gehan­delt wird nach Maß­ga­be öko­no­mi­scher bzw. poli­tisch-öko­no­mi­scher Par­tial­in­ter­es­sen. Das Resul­tat ist die Zunah­me – nicht der Abbau – der dem Impe­ria­lis­mus inne­woh­nen­den Wider­sprü­che. Die­ser erweist sich als unfä­hig – nicht zufäl­lig, son­dern kon­sti­tu­tio­nell – auch nur ein ein­zi­ges der die Mensch­heit heu­te bedro­hen­den Pro­ble­me zu lösen: Hun­ger, Krank­heit, Ver­elen­dung, Krieg und Gewalt, Ungleich­heit und Aus­beu­tung, die Zer­stö­rung der Natur.

Tho­mas Met­scher: Post­mo­der­ne und Impe­ria­lis­mus. Erschie­nen in: Z. Zeit­schrift für mar­xis­ti­sche Erneue­rung, Heft Nr. 62, 2005.


Das Dilem­ma von Fort­schritt und Rück­schritt wird aus­führ­lich in der Schrift Geis­ti­ge und spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung aus geschicht­li­cher Not­wen­dig­keit der blau­en Rei­he dar­ge­stellt.


© edi­ti­on zen­on, Mai 2026


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