Bemer­kun­gen zur Durch­füh­rung von Pro­jek­ten und Unter­neh­mun­gen

In einer Zeit enor­mer Ver­än­de­run­gen, auf Wegen, die durch unbe­kann­tes Gebiet füh­ren, wer­den immer wie­der Vor­stel­lun­gen und Über­zeu­gun­gen über Nacht hin­fäl­lig wer­den. Wir müs­sen uns so kon­sti­tu­ie­ren, wie es das Uni­ver­sum und die Natur schon immer getan haben und heu­te noch tun. Nach klas­si­scher chi­ne­si­scher Sicht bedeu­tet die­ses Ver­ständ­nis, dass wir auf allen Ebe­nen eine Ver­fasst­heit anstre­ben, sodass Yang im Inne­ren und Yin im Äuße­ren ist. Wider­stands­fä­hig und geschmei­dig wie ein Gras­halm, der über­all, an jeder Stel­le, zugleich sta­bil wie auch fle­xi­bel ist, ver­hal­ten  wir uns dann wie das Uni­ver­sum selbst. Auf die­se Art ist Ent­wick­lung mög­lich. Was bedeu­ten die­se Aus­füh­run­gen kon­kret für die indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Unter­fan­gen und Pro­jek­te, mit denen wir unse­re Inter­es­sen und Vor­stel­lun­gen ver­fol­gen?

Zunächst heißt Yang im Inne­ren und Yin im Äuße­ren Sta­bi­li­tät im Inne­ren und Fle­xi­bi­li­tät im Äuße­ren: Beharr­lich­keit, Stär­ke, Belast­bar­keit, Ent­schlos­sen­heit und Zusam­men­halt sind im Inne­ren, Offen­heit, Geschmei­dig­keit, Rezep­ti­vi­tät, Wohl­wol­len und Beweg­lich­keit im Äuße­ren. Mit die­ser Kon­sti­tu­ti­on ist eine Ent­wick­lung mög­lich, die immer wie­der neu Sta­bi­li­tät und Fle­xi­bi­li­tät dyna­misch aus­zu­glei­chen ver­mag. Die­ses Leit­bild ist glei­cher­ma­ßen gül­tig für wirt­schaft­li­che Unter­neh­mun­gen, Staa­ten, Dör­fer, Fami­li­en oder Grup­pen Gleich­ge­sinn­ter. Es gilt genau­so für die psycho-phy­si­sche Kon­sti­tu­ti­on der ein­zel­nen Grup­pen­mit­glie­der oder Mit­ar­bei­ter, ihre Art des Zusam­men­wir­kens, die Struk­tu­ren der Kor­po­ra­ti­on und ihr Ver­hält­nis zur Umwelt. Mit einer sol­chen Aus­rich­tung ver­hal­ten wir uns wie das Uni­ver­sum, sind resi­li­ent und wider­stands­fä­hig und kön­nen geschmei­dig reagie­ren. Das ist die Grund­la­ge für eine weit­rei­chen­de Ent­wick­lung.

Was bedeu­tet das kon­kret für indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Pro­jek­te?


1. Das Zusam­men­wir­ken

Im Zusam­men­le­ben von frei­en und gleich­wer­ti­gen Indi­vi­du­en heißt Yang im Inne­ren und Yin im Äuße­ren, die soge­nann­ten Grund­wer­te umzu­set­zen. Dar­un­ter wer­den hier die Gleich­wer­tig­keit und das Wer­te­paar Eigen­ver­ant­wort­lich­keit /individuelle Frei­heit ver­stan­den. Dabei wird einer zügel­lo­sen Frei­heit dadurch Gren­zen gesetzt, dass das Indi­vi­du­um sich für sich und sein Han­deln ver­ant­wort­lich fühlt: Feh­ler für das eige­ne Tun wer­den nicht ande­ren zuge­schrie­ben. Wenn es ange­bracht ist, sich abzu­gren­zen, Unklar­hei­ten oder Über­grif­fen zu begeg­nen, dann geschieht dies freund­lich und höf­lich. Geleb­te Gleich­wer­tig­keit wahrt die eige­nen Inter­es­sen und ach­tet die der Ande­ren als eben­so wich­tig: Auf der Basis eines kon­sens­ori­en­tier­ten Vor­ge­hens wird dann ein Inter­es­sen­aus­gleich beim mensch­li­chen Mit­ein­an­der ange­strebt, um so die unter­schied­li­chen Inter­es­sen in Ein­klang zu brin­gen. Ein der­ar­ti­ges Vor­ge­hen schafft Ein­ver­ständ­nis, Ver­trau­en und sozia­len Frie­den.

Gelingt es mit einer sol­chen Ein­stel­lung, die fried­lich-evo­lu­tio­nä­re Ein­stel­lung genannt wird, die Grund­wer­te im All­tag umzu­set­zen, ent­ste­hen auf allen sozia­len Ebe­nen funk­tio­nie­ren­de Sys­te­me der Selbst­steue­rung, um die jewei­li­gen Belan­ge zu regeln. Das bedeu­tet weit­ge­hend auto­no­me Sub-Struk­tu­ren, die sich gleich­zei­tig zu einer Struk­tur mit einem star­ken Zusam­men­halt zusam­men­fü­gen. Im Maß­stab von Städ­ten, Gemein­den, Regio­nen und Staa­ten steht dann der Metho­de „von oben nach unten“ die Metho­de „von unten nach oben“, die sich bei­de geschicht­lich bei der Lösung öko­lo­gi­scher Kri­sen bewährt haben, ergän­zend gegen­über: Kei­ne Ein­sei­tig­keit, zwei „Macht­zen­tren“. (Die­ses The­ma wird aus­führ­lich im Rah­men der blau­en Rei­he in Wel­che Art des mensch­li­chen Zusam­men­wir­kens? dar­ge­stellt.)


Dane­ben sind drei wei­te­re Aspek­te bei der Durch­füh­rung der indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Unter­neh­mun­gen von wesent­li­cher Bedeu­tung.


2. Die Pola­ri­tät von Aus­wei­tung und Kon­so­li­die­rung

Wenn wirt­schaft­li­che Unter­neh­men, Grup­pen oder Staa­ten ihre Inter­es­sen ver­fol­gen agie­ren sie einer­seits als ein Gan­zes und zugleich auch als Teil, der in umfas­sen­de­ren Struk­tu­ren wie Märk­te, Gesell­schaf­ten oder supra­na­tio­na­le Struk­tu­ren wie die UNO inte­griert sind. Sie sind ein­ge­bun­den in die Pola­ri­tät von Selbst­be­haup­tung und Selbst­er­wei­te­rung. Die damit ver­bun­de­ne Dyna­mik zeigt sich im Hin und Her von Expan­si­on und Zusam­men­zie­hung, von Aus­wei­tung und Kon­so­li­die­rung.

Das Yin der Selbst­er­wei­te­rung äußert sich in Expan­si­on, die im Extrem­fall zu einer Über­deh­nung der eige­nen Mit­tel führt. Die­se kann die Fol­ge sein von Hybris und einer ideo­lo­gisch beding­ten Über­schät­zung der Kräf­te. Das Deba­kel der deut­schen Wehr­macht in Sta­lin­grad kann hier als Bei­spiel die­nen. Die Über­deh­nung der eige­nen Kräf­te kann auch von einem Man­gel an nöti­gen Pro­duk­ten oder Per­so­nal ver­ur­sacht sein. Sie kün­digt sich an durch Feh­ler glei­cher Art, die die bis­her rei­bungs­los ver­lau­fen­den Abläu­fe zuneh­mend beein­träch­ti­gen. Dann ist die eige­ne Sub­stanz in Gefahr, bei fort­ge­setz­ter Über­deh­nung wei­ter aus­ge­höhlt zu wer­den. Das Auf­tau­chen der ers­ten sich wie­der­ho­len­den Feh­ler ist hier das Zei­chen dafür, die Rich­tung zu ändern und das Unter­neh­men zu kon­so­li­die­ren. Denn soll­te die Selbst­er­wei­te­rung zu einer Über­deh­nung der Kräf­te füh­ren, wird sich die Ten­denz umdre­hen und die Unter­neh­mung unter Druck gera­ten. Die­ser Druck kann so weit gehen, dass das jewei­li­ge Pro­jekt exis­ten­ti­ell in Fra­ge gestellt wird.

Um die­se Ent­wick­lung zu ver­hin­dern, muss das Unter­neh­men kon­so­li­diert wer­den, indem das Yang im Inne­ren gefes­tigt wird. Das heißt: Blo­cka­den und Fehl­ent­wick­lun­gen sind abzu­bau­en. Dabei sind die Struk­tu­ren und Abläu­fe zu über­prü­fen und gege­be­nen­falls zu ver­än­dern. Even­tu­ell ist die Exe­ku­ti­ve mit ihren Vor­stel­lun­gen zu hin­ter­fra­gen oder die Mit­ar­bei­ter sind zu schu­len und neu zu moti­vie­ren. Ist dies gesche­hen und funk­tio­nie­ren die Abläu­fe wie­der feh­ler­frei, kann, wenn eine Not­wen­dig­keit besteht, wie­der eine Pha­se der Expan­si­on begin­nen.

In der Pola­ri­tät von Expan­si­on und Kon­so­li­die­rung zeigt sich das zen­tri­pe­tal wir­ken­de Yang in einer nach innen gerich­te­ten Kon­so­li­die­rung und Yin in der nach außen wir­ken­den Expan­si­on. Yang im Inne­ren und Yin im Äuße­ren bedeu­tet, dass die Stär­kung, Sta­bi­li­sie­rung und Fes­ti­gung der eige­nen Sub­stanz den eige­nen Kern aus­macht, der nach außen hin ergänzt wird durch eine Selbst­er­wei­te­rung in Form von Part­ner­schaf­ten, Bünd­nis­sen, Filia­len etc..

Ideo­lo­gien oder Geschäfts­phi­lo­so­phien, die ein­sei­tig auf Expan­si­on set­zen, höh­len die Sub­stanz aus. Frü­her oder spä­ter wer­den sich auf die­sen Wegen erheb­li­che Sub­stanz­ver­lus­te ein­stel­len.

Wenn umge­kehrt die Abläu­fe im Inne­ren quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv ein­ge­spielt sind und funk­tio­nie­ren, die Betei­lig­ten gesund und moti­viert sind und auch die Finan­zen vor­han­den sind, kann eine Erwei­te­rung, falls eine Not­wen­dig­keit dafür besteht, ins Auge gefasst wer­den.

3. Die Pola­ri­tät von Abhän­gig­keit und Unab­hän­gig­keit

Abhän­gig­keit und Unab­hän­gig­keit sind sich ergän­zen­de Gegen­sät­ze. Dabei zeigt sich Yang in der Auto­no­mie, Yin in der Abhän­gig­keit. Yang im Inne­ren und Yin im Äuße­ren bedeu­tet, dass im Kern die Wah­rung der eige­nen Unab­hän­gig­keit steht, die nach außen durch Part­ner­schaf­ten, Bünd­nis­sen und ande­ren For­men des Zusam­men­wir­kens ergänzt wird.

Eine Ver­än­de­rung der einen Sei­te wirkt sich unmit­tel­bar auf die ande­re Sei­te aus. Eine sich ver­stär­ken­de äuße­re Abhän­gig­keit erzeugt mit Sicher­heit Bestre­bun­gen, die eige­ne Unab­hän­gig­keit zu unter­strei­chen. Doch muss hier sehr bedacht­sam geur­teilt wer­den, denn die äuße­ren Bedin­gun­gen kön­nen der­art sein, dass sie qua­li­ta­ti­ve Ver­än­de­run­gen ein­for­dern. Dann sind das Selbst­ver­ständ­nis, die Wer­te und auch die Sub­stanz zu hin­ter­fra­gen und not­falls zu modi­fi­zie­ren, um den äuße­ren Ver­än­de­run­gen dyna­misch zu ent­spre­chen.

Als Bei­spiel kön­nen hier die grie­chi­schen Stadt­staa­ten vor dem Pelo­pon­ne­si­schen Krieg oder die euro­päi­schen Staa­ten vor dem ers­ten Welt­krieg die­nen. In bei­den Fäl­len hat­ten Aus­tausch, Ent­wick­lung und Han­del – die ers­te Glo­ba­li­sie­rung im Fall der euro­päi­schen Natio­nal­staa­ten – zu einem dich­ten Geflecht gegen­sei­ti­ger wirt­schaft­li­cher Abhän­gig­keit geführt. Um die dabei ent­ste­hen­den Kon­flik­te zu lösen, muss­ten Regeln und supra­na­tio­na­le Instan­zen geschaf­fen wer­den. Dazu hät­ten die grie­chi­schen Stadt­staa­ten und die euro­päi­schen Natio­nen eini­ge ihrer Rech­te, d.h. gewis­se Ele­men­te ihrer Unab­hän­gig­keit, abge­ben müs­sen, um ihrer Zivi­li­sa­ti­on zu wei­te­rem Wachs­tum zu ver­hel­fen. Hier wäre Selbst­er­wei­te­rung und nicht Selbst­be­haup­tung die  rich­ti­ge Ant­wort gewe­sen. An die­ser Her­aus­for­de­rung schei­ter­ten die grie­chi­sche und die abend­län­di­sche Zivi­li­sa­ti­on. Die Fol­gen waren in bei­den Fäl­len ver­hee­rend. Anstel­le von wei­te­rer Ent­wick­lung kam es zu einem Still­stand des Wachs­tums bei­der Zivi­li­sa­tio­nen, zu fürch­ter­li­chen Krie­gen, zu Sta­gna­ti­on und Nie­der­gang, der im Fall der abend­län­di­schen Zivi­li­sa­ti­on bis heu­te anhält.

Auf dem Weg der Ent­wick­lung wird immer wie­der neu das Alte hin­ter­fragt und Neu­es zu gestal­ten sein. Erfah­rung und Ver­glei­che hel­fen dabei, die Situa­ti­on in ihren Zusam­men­hän­gen zu ver­ste­hen, doch kein Fall ist wie der ande­re. Solan­ge die Ver­än­de­run­gen quan­ti­ta­ti­ver Art sind, kön­nen die eige­ne Unab­hän­gig­keit, die Iden­ti­tät und die defi­nie­ren­den Wer­te sub­stan­ti­ell gewahrt wer­den. Doch selbst hier ist Vor­sicht ange­bracht. Qua­li­ta­ti­ve Ver­än­de­run­gen im Äuße­ren erfor­dern tief­grei­fen­de Ant­wor­ten. Wie heu­te waren die Ver­än­de­run­gen am Ende des XIX. Jahr­hun­derts qua­li­ta­ti­ver Art, denn neue tech­ni­sche Erfin­dun­gen, Han­del und Aus­tausch ver­än­der­ten ein­schnei­dend die Welt. Nichts ist dann fal­scher als das Behar­ren auf dem Sta­tus quo even­tu­ell gar­niert mit dem Fei­gen­blatt unbe­deu­ten­der Modi­fi­ka­tio­nen.


4. Die psycho-phy­si­sche Kon­sti­tu­ti­on der Ein­zel­nen

Die bes­ten Pro­jek­te wer­den schei­tern, wenn die Ein­zel­nen von ihrer Kon­sti­tu­ti­on zu schwach sind oder zu starr sind, um an sich die nöti­gen Ver­än­de­run­gen zu voll­zie­hen. Nur wenn die Ein­zel­nen im Ver­lauf ihrer Pro­jek­te ver­stärkt eine psycho-phy­si­sche Kon­sti­tu­ti­on mit Yang im Inne­ren und Yin im Äuße­ren anstre­ben und dann her­aus­bil­den, kön­nen ihre gemein­sa­men Unter­neh­mun­gen gelin­gen. Ansons­ten wer­den die nöti­gen Ent­wick­lun­gen durch Dis­so­nan­zen im zwi­schen­mensch­li­chen Bereich gestört, gefähr­det oder gar abge­würgt wer­den.

Wie kann eine psycho-phy­si­sche Kon­sti­tu­ti­on, in der Yin und Yang in einem dynami­schen Gleich­ge­wicht sind, erwor­ben wer­den? Es wür­de bedeu­ten, im eige­nen Kern wi­derstandsfähig, belast­bar und beharr­lich und zugleich nach außen offen, geschmei­dig, freund­lich und vol­ler Wohl­wol­len zu sein. Die Ant­wort von Geor­ges Ohsa­wa lau­tet:

Viel arbei­ten, vive­re par­vo,

das ist es, wodurch

die fes­te Kon­sti­tu­ti­on, die kon­kre­te Basis

und die so sanf­te Per­sön­lich­keit

sich bil­den und fes­ti­gen.

Geor­ges Ohsa­wa: Das Buch vom Judo. Maha­jiva Ver­lag, Holt­hau­sen, 1988, S. 44.

Vive­re par­vo bedeu­tet nicht, mit wenig oder gar arm zu leben, son­dern in genü­gen­der Quan­ti­tät alles zu sich zu neh­men, was unbe­dingt benö­tigt wird. Also mit dem Not­wen­di­gen aus­zu­kom­men, auf allen Ebe­nen maß­voll zu leben und nicht mehr zu essen und zu trin­ken, als unbe­dingt gebraucht wird. Mit die­ser prak­ti­schen Metho­de kön­nen die eige­ne Kon­sti­tu­ti­on, die Gedächt­nis­fä­hig­keit, die Emp­fäng­lich­keit und damit die Urteils­fä­hig­keit ent­wi­ckelt wer­den. Für Geor­ges Ohsa­wa ist ein maß­vol­les Leben zusam­men mit reich­lich Akti­vi­tät der Schlüs­sel für eine Kon­sti­tu­ti­on, die sich im Äuße­ren nach­gie­big, geschmei­dig, groß­zü­gig und lie­be­voll zeigt und im Inne­ren wider­stands­fä­hig, beharr­lich, stark und fest ist. Vive­re par­vo ist für ihn das Geheim­nis – zusam­men mit einer Ein­stel­lung, Schwie­rig­kei­ten anzu­neh­men und sich ihnen zu stel­len. Sie­he hier­zu auch den Abschnitt Die Pra­xis in der Schrift Welche Art der Ent­wick­lung?

© edi­ti­on zen­on, Mai 2025


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